Captain Future und die Krähe des Todes – eine Geschichte

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Aldekerker_Kirche_rot

Captain Future und die Krähe des Todes

Sie waren bislang folgsame Kinder gewesen. Hatten bis zu jener Nacht an Michaels zwölftem Geburtstag getan, was sie ihren Eltern versprochen hatten. Jedes Mal zuvor, wenn sie im Garten hinter dem Haus von Michaels Eltern gezeltet hatten, waren sie in der Nähe ihrer beiden Zelte geblieben, und ebenso folgsam waren sie um elf Uhr in die Schlafsäcke gekrochen. Aber in jener Nacht schlichen sie sich aus dem Garten heraus. Oh, wie das kribbelte. Alleine schon, dass sie ungehorsam waren, bescherte ihnen einen gewaltigen Nervenkitzel. Zusätzliche Spannung entstand dadurch, dass sie auf einem fremden Planeten unterwegs waren. Eigentlich hatten die Jungs ja die Drei ??? sein wollen, die das Rätsel der Nächtlichen Gestalten lösen, aber da hätte Esther einen Jungen spielen müssen, was sie nicht wollte. Nun war Esther die hübsche Joan Landor, Michael Captain Future und Thomas war Otto. Sie waren auf einem fremdem Planeten gestrandet und auf Erkundungsgang. Professor Simon Wright, das lebende Gehirn, und Grag der Roboter waren im Raumschiff zurückgeblieben, um ihre Mission über die Monitore zu überwachen. Keiner der Bewohner dieses Planeten durfte sie sehen. So hielten sie sich im vom Vollmond geworfenen Schatten der Häuser, drückten sich in Hauseingänge hinein, sprangen über Hecken und versteckten sich hinter ihnen, sobald sie hörten, dass sich ein Auto näherte. Dann hörten sie die Glocken der Kirche zweimal schlagen. Es war halb Zwölf. Kurz vor Mitternacht.

„Huhuuuu! Bald ist Geisterstunde!“, meinte Michael und tippte Esther auf die Schulter. Bei der unerwarteten Berührung erschreckte sie sich, beinahe hätte sie aufgeschrien. Aber sie riss sich zusammen, hieb Michael dafür einmal heftig auf den Rücken.
„Du Blödmann!“ sagte sie. Michael lachte und meinte:
„Kein Blödmann, sondern Hui Buh!“ Michael stakste nun über die Straße und rasselte mit imaginären Ketten:
„Das Schloßgespenst mit der rooooostigen Rasselkette! Und gleich ist Geisterstunde!”
„Hui! Buuuuhuu!“ fiel Thomas ein und dann hüpften die Jungs gemeinsam um Esther herum, „Mit der roooooostigen Rasselkette!“ Nun musste sie lachen, unheimlich war an diesen zwei Gestalten nichts, gleichzeitig machte sie sich über die Lautstärke sorgen.
„Wenn ihr nicht leiser seid, gibt es morgen keine Blaubeerensuppe!”“ sagte Esther, und allmählich beruhigten sich die Jungs wieder. Dann meinte Thomas:
„Unser Mädchen hat Schiß in der Bux!“ Das konnte sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen.
„Selber Mädchen!“, gab sie zurück, was Besseres fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.
„Klar!“, kicherte Thomas und tat so, als wolle er Michael umarmen, „Bin die Gräfin Etepetete! Oh mein lieber König Julius, lass mich dich küssen!“ Michael schupste Thomas weg:
„Bäh, bleib mir bloß vom Leib!“

In diesem Moment hatte Esther eine Idee und platzte mit ihr heraus:
„Werd‘ dir beweisen, dass ich keinen Schiss hab! Wir gehen jetzt auf den Friedhof!“
Die Jungs ließen augenblicklich das Herumalbern sein. Sie erschrak wegen ihrer eigenen Worte. Jedes Mal, wenn sie ihre Mutter begleitet hatte, um die Gräber der Großeltern zu pflegen, die vor ihrer Geburt gestorben waren, war ihr der Friedhof als ein unheimlicher Ort erschienen. Und das war tagsüber gewesen. Eigentlich wollte sie um nichts in der Welt nachts an diesem Ort sein. Aber einen Rückzieher wollte sie noch weniger machen.

„Wer hat jetzt Schiss von uns beiden, Thomas?!“, meinte sie also, „Wenn wir uns beeilen sind wir rechtzeitig zur Geisterstunde da!“
„Klar! Null Problemo!“, antwortete Thomas, aber es war ihm anzumerken, dass ihm genauso unbehaglich war wie Esther, „Glaub‘ eh nicht an Gespenster!“
„Aber ich!“, sagte da plötzlich Michael, und Esther lief eine Gänsehaut über den Rücken, „Ich glaub‘ an Geister!“, gab Michael zu, „Sie sind überall, unsichtbar, und hören uns jetzt bestimmt auch zu!“, meinte er mit leiser Stimme und sah sich nach allen Seiten um. Esther bekam es ein wenig mit der Angst zu tun, hatte plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden.
„Und vielleicht macht sie euer Gerede böse!“, meinte er, und nun wäre Esther am liebsten weggelaufen.
„Ich jedenfalls wär‘ böse, wenn jemand behaupten würde, es gäbe mich nicht. Und deswegen warten sie auf uns auf dem Friedhof, warten, dass wir zwischen den Gräbern hin- und herlaufen…“ Michael machte eine bedeutungsschwangere Pause, sah uns andere mit aufgerissenen Augen an. Plötzlich musste er grinsen:
„Hey Leute, war doch nur Spaß! Ihr glaubt doch nicht wirklich an Gespenster, oder!“
In diesem Moment krächzte etwas laut auf dem nahen Feld, sie zuckten alle zusammen, Thomas schrie vor Schrecken auf, klammerte sich an Esther genauso fest wie sie an ihm, dann flatterte eine große, schwarze Krähe über ihre Köpfe hinweg. Thomas lachte erleichtert auf:
„Eine Krähe! Buhuuu!“
Thomas und Esther ließen sich verlegen los. Michael lief nun mit seinem Armen schlagend im Kreis:
„Buhuuh! Bin die Krähe des Todes! Buhuuu!“
Nun mussten sie alle lachen und begannen ebenfalls mit unseren Armen zu wedeln. Michael lief um seine Freunde herum:
„Drah Dich nit um, die Krähe des Todes geht um!“

Dergestalt mit allerlei Scherzen und Blödsinn gingen sie durch die Nacht. Schließlich aber kamen sie am Friedhof an und alle drei verstummten. Unschlüssig blieben sie vor dem alten gusseisernen Tor stehen.
„Sollen wir wirklich?“, fragte Thomas unsicher.
„Gekniffen wird nicht!“, meinte Esther forsch, aber ihr war anzumerken, dass sie hoffte, ihre beiden Freunde würden einen Rückzieher machen. Doch Michael trat einen Schritt vor und öffnete das schwere Tor, das in den Angeln quietschte.
„Na, dann wollen wir mal!“, sagte er und sah Esther an, die schluckte und dann ebenfalls einen Schritt nach vorn machte. Thomas aber blieb stehen.
„Ich geh nicht mit!“, sagte er bestimmt, „Ich schau euch zu!“
„Feigling!“, sagten Esther und Michael beinahe gleichzeitig, dann betraten sie den Friedhof. In diesem Moment schoben sich Wolken vor den Mond, es wurde so richtig dunkel. Nebeneinander gingen sie über den Weg, aus dem Zwielicht tauchten die ersten Grabmäler auf. Ihre Schritte wurden langsamer. Jetzt war ihnen beiden doch unheimlich zu Mute. Instinktiv nahmen sie sich an der Hand. Es war sehr leise dort auf dem Friedhof. Sie hörten nur ihre Schritte auf dem Weg.
Leise sagte Michael mit einem Mal: „Weißt du, vorhin, da habe ich gelogen.“
„Womit?“
„Das mit den Gespenstern“
„Ja, was?“
Michael sah sich kurz um. Bei diesem flüchtigen Blick über seine Schulter hinweg lief es Esther kalt über den Rücken. Plötzlich fühlte sie sich wieder beobachtet. In diesem Moment kam Michael ganz nah an sie heran und flüsterte ihr so leise ins Ohr, dass sie ihn kaum verstand:
„Ich glaube doch an Gespenster!“
Er machte eine kurze bedeutsame Pause, dann:
„BUH!“, rief er plötzlich und Esther schrie vor Schrecken auf. Und Michael begann zu lachen, bis Esther ihm einen ordentlichen Hieb auf den Arm verpasste:
„Du Idiot! Wie kannst du mir nur so einen Schrecken einjagen!“
Was keiner von beiden in diesen Augenblicken bemerkte, war der Nebel, der von den Gräbern her über den Boden auf sie zu kroch. Dichter Nebel, der von unten heraus zu leuchten schien. Ein kaltes, bläuliches Leuchten.
Michael: „Quatsch! Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich an Gespenster glaube! Hui Bui! Das Gespenst mit der roooostigen Rasssselkette!“
Sie beruhigten sich, Esther schlug Michael noch einmal auf die Schulter:
„Du Idiot!“, dann lachte auch sie.
In diesem Moment schlug die Kirchenglocke Mitternacht, und beide schrieen vor Schreck auf. Dies war der Moment, in dem sie den Nebel sahen. Esther schlug eine Hand vor den Mund und zeigte auf den Nebel. Plötzlich begann Thomas, der vor dem Friedhofstor stand, zu schreien:
„Weg da! Lauft!“
Thomas schrie:
„Macht dass ihr weg kommt! Schnell! Lauft!“
Michael drehte den Kopf, um zu schauen, was es da wohl zu sehen gab.
„Seht euch nicht um! LAUFT!“, schrie Thomas
Und Esther packte Michael‘ Hand, zog ihn weg. Dann rannten sie beide, so schnell sie konnten zum Tor.
„Schneller!“, schrie Thomas, offenbar nahe einer Panik,
„Schneller!“
Und sie rannten, und während sie rannten hörten sie hinter sich ein Stöhnen und Knirschen und es wurde lauter und es kam näher, schnell näher, schneller näher als das Friedhofstor, hinter dem Thomas stand und schrie:
„SCHNELLER!“
Endlich erreichten sie das Tor und rannten hindurch, rannten die Straße nach ein ganzes Stück entlang. Dann blieben sie atemlos stehen, während Thomas zu ihnen geschlendert kam.
„Da habe ich euch beiden Helden aber einen Schrecken eingejagt, was?“, meinte er grinsend. Esther sah ihn einen Moment lang verständnislos an, dann verstand sie. Ohne eine Wort zu sagen, ging sie wütend in die Nacht davon.

„Was?“, meinte Thomas noch.
„Du Idiot!“, sagte Michael. Dann folgten die Jungs Esther.
Keiner von ihnen sah sich um. Und so sahen sie auch nicht die Vielzahl blasser Hände, die sich um die Gitterstäbe des Friedhofstores schlossen und es langsam und quietschend zuzogen.

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