Da lachte das Herz des Eisenbahner-Kindes… Erlebnis Bahnfahren

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Wenn einer eine Reise unternimmt, dann kann er was erzählen… Nun, ich habe wieder einmal meinen Koffer gepackt und habe eine Bahnreise quer durch Deutschland unternommen. Ob ich etwas anderes zu erzählen habe, als nach meiner letzten Bahnfahrt vergangenen Sommer?

Lok Sept 76
Da lachte das Herz des Eisenbahner-Kindes…

„Du fährst mit der Bahn? Auch noch ICE? Na dann viel Spaß ohne Klimaanlage!“ „Über Mainz? Ha, Mainz, wie es singt und alles über das Bahnchaos lacht!“ „Grüße die Merkel von mir, Bahn ist ja jetzt Chefsache, vielleicht stellt sie ja euch persönlich die Weichen!“

HA HA HA! Ich, das Kind eines Lokführers, schmiss mich weg vor Lachen. Hat man einmal als Dreikäsehoch im Führerstand einer mächtigen E-Lok auf dem Sitz des Lokführers sitzen dürfen (natürlich im Betriebswerk, mit nicht laufender Maschine), dann betrachtet man Deutschlands Eisenbahnen wohl nicht mehr wirklich objektiv – selbst wenn man den Kindheitstraum, Lokführer zu werden (und die Tausende PS mal zum Dröhnen zu bringen) nicht verwirklicht. HA HA HA! Also zückte ich unverdrossen meine Kreditkartennummer und buchte 1. Klasse. Ein Schnäppchen, knapp über der 2. Klasse. 700 Kilometer First-Class-Reisen – und dann ließ ich mir übers Internet die Staumeldungen und -prognosen heraus: A81 Unfall, 5 Kilometer Stau, A5 Stau, A8… A61 Prognose rot, Alternativen noch röter. Ha Ha, der Klügere fährt Bahn. Prognose: 6,5 Stunden Fahrtzeit, angenehme Buchlektüre nur unterbrochen durch 2x Umsteigen (mit hoffentlich nahe gelegener Raucherecke an den beiden Bahnhöfen), und sollte ich mir andere Lektüre wünschen: übers WLAN im ICE einlocken und einfach ein neues eBook auf mein Tablett laden. Und also trat ich meine Reise an.

Pünktlich ging es los. Der Zug wurde an meinem Startbahnhof eingesetzt, da kann man dies auch erwarten. Nicht erwartet hatte ich, dass der 1. Klasse Wagen, in dem ich reserviert hatte, nicht an den Zug angehängt worden war. Nun gut, man ist ja flexibel. Es gab genügend freie Plätze – in der 2. Klasse. Aber man ist ja kein Snob. Wobei mir bei der nicht gereinigten Toilette die Augenbraue hoch ging (ein frisch eingesetzter Zug…). Aber das ficht einen alten Bahner, jedenfalls einen männlichen, nicht an. Wenn ich da nur an die ersten Fahrten mit dem frisch eingeführten Wochenendticket denke… 20 Stunden im Regional-Zug, 5x so viele Passagiere wie Sitzplätze, eine halbe Stunde nach Fahrtbeginn waren die Toiletten unbenutzbar. Aber nun fahre ich ja ICE – wobei alles Sagrotan auf der Welt nicht gereicht hätte, mich zum Sitzen zu bewegen (It’s a man’s world).

Aber pünktlich sind wir. Ich erreiche problemlos meinen Anschlusszug – allerdings reicht es nicht für einen Zug aus einer Zigarette. Aber was soll’s. Immerhin bin ich flott unterwegs – wieder in der 2. Klasse. Zwar haben sie dieses Mal den Wagen, in dem ich reserviert habe, nicht vergessen, an den Zug anzuhängen, aber HA HA, ja der Klassiker: „Na dann viel Spaß ohne Klimaanlage!“ Vor gefühlten 50 Grad an meinem reservierten Platz floh ich in die 2. Klasse. Man ist ja kein Snob. Wobei mir bei dem Hinweis des Service-Personals, dass sie in der 2. Klasse keinen Kaffee servieren dürften, die Augenbraue hoch ging. Immerhin war das Zugrestaurant im Wagen nebenan, also las ich bei einer Tasse fast heißen Kaffees in meinem eBook – und ehe ich mich versah: Ende. Ein Krimi. Ein guter Krimi aus einer Reihe. Und freundlicherweise hatte der Autor am Ende seines eBooks einen Link zum nächsten Band seiner Serie eingefügt. Also gleich angeklickt, WLAN im Zug sei Dank. Doch: WLAN im Zug nicht verfügbar. Also back to the roots. Bei kaltem Kaffee aus dem Fenster starren. Aber immerhin waren wir pünktlich unterwegs – Mainz ließen wir ohne Probleme links liegen. Und also stieg ich zur geplanten Zeit zum zweiten Mal um. Da die Raucherecke auf dem Bahnhof in ungefähr 5 Kilometer Entfernung hinter der Bahnhofsmission lag, biss ich die Zähne zusammen. Ein einfaches Unterfangen angesichts jetzt nur noch einer halbstündigen Fahrt.

Zwei Bahnhöfe vor meiner erwarteten Ankunft rief ich meinen Vater an, dass ich fahrplanmäßig unterwegs sei, er könne mich zur erwarteten Zeit am Zielbahnhof abholen. Vielleicht sollte man solche Anrufe unterlassen? Vielleicht gibt es ja einen rachsüchtigen Dämon des Bahnfahrens, der HA HA HA seinen Spaß an unvorhergesehenen Verzögerungen hat. Jedenfalls hieß es 5 Minuten später beim letzten Halt vor meiner Ankunft, dass auf der Strecke unmittelbar hinter dem Bahnhof ein Gleis unterspült worden sei (wobei es seit Tagen nicht geregnet hatte, es geschweige denn sintflutartige Güsse gegeben hatte). Jedenfalls mussten wir – da die Strecke nur noch eingleisig befahrbar sei – auf den Gegenzug warten. Ich rief meinen Vater an (Handys sei Dank), aber der war schon zum Bahnhof gefahren (wie ich von meiner Mutter erfuhr) und hatte sein Handy nicht dabei. Aber nun gut, er ist ein alter Bahner, also wirkte er nach dreiviertelstündiger Verspätung nicht allzu gestresst. Fazit: Etwas über 7 Stunden Fahrt – als ich mir bei einer Zigarette die Stauberichte übers WLAN bei meinen Eltern ansah, musste ich lächeln.

Und lächelnd ging es nach einer schönen Woche auf die Rückreise. Der Zug wurde an meinem Startbahnhof eingesetzt. Wobei er eine Viertelstunde später bereit gestellt wurde… Immerhin gab es kein Problem mit der Klimaanlage. Allerdings hatten sie den Zugteil, in dem sich der von mir reservierte Platz befand, nicht an den Zug gehängt. Statt einem ganzen ICE fuhr nur ein halber. Alle Reservierungen obsolet. Aber: Der frühe Vogel fängt den Wurm – alle später eingestiegenen Fahrgäste fanden keinen Sitzplatz mehr. Aber im Stehen 260 zu fahren hat ja auch was. Aber für die Sitzenden wie mich hatte es noch mehr. Immerhin, wir holten die Verspätung auf – und dann auf dem letzten Fahrtabschnitt fand ich den von mir reservierten Platz in einem klimatisierten Wagen. Der Kaffee war heiß – und auch wenn die WLAN nicht funktionierte, egal, ich hatte mir bei meinen Eltern genügend Lesestoff aufs Tablett geladen. 6,5 Stunden für 700 Kilometer. Da lachte das Herz des Eisenbahner-Kindes. Nur gut, dass ich nicht auf die Toilette musste.

Nachtrag: Pünktlich, pünktlich, und noch einmal pünktlich – und dann, ja dann Philipp. So das Résumé meiner Zwischen-den-Feiertagen-Fahrt. „Philipp komm sofort her!“, gefühlte 1000x zwischen Radolfzell und Offenburg – aber der kleine Philipp war in Fahrt. Rannte im Großraumwagen von einem Ende zum anderen. Betrachtete interessiert Mitreisende bei ihrer Buch- oder eBook-Lektüre. Was niemanden störte. Lächeln hier und dort – und schon war Philipp wieder fort. Hin zu neuen Abenteuern. „Philipp komm sofort her!“ Weg von den Rufen seines Vaters. Und dann, in Hornberg, kam zu meiner Erbauung ein anderer Philippe – und zwar in Form eines gigantischen, haushohen Klos (hier zu begutachten…). Was für eine Ortseinfahrt! Hornberg war für mich bislang vor allem ein beschauliches Städtchen mit romantischer Burganlage auf einem Hügel. Doch nun ist der Schwarzwald nach einigen „world biggest cuckoo clocks“ um einen weiteren Superlativ reicher: Das vom französischen Stardesigner Philippe Starck als Aussichtsplattform entworfene Riesen-WC im Neubau von Duravit. Hornberg, Stadt of „the biggest WC of the Black Forrest“, ach was sage ich: „world biggest WC“. Eine interessante Aufgabe fürs Stadtmarketing hier die Kurve zur Romantik hinzubekommen: „Tradition und Innovation, Hornberg – Romantik im Zeichen der Burg, der Zukunft zugewandt im Schatten des Riesen-Klos“. Und meine Rückfahrt? Auch hier pünktlich, pünktlich – selbst nachdem wir eine halbe Stunde auf freier Strecke kurz vor Worms stehenbleiben mussten, weil ein Zug vor uns liegen geblieben war, so dass ich meinen Anschluss in Heidelberg nicht erreichte. Aber: Respekt! Das Zugbegleitpersonal war auf Zack, freundlich informierend. Hat mich in Mannheim in einen ICE gelotst, der dann die verlorene Zeit (und meinen IC nach Konstanz) mit Tempo 250 einholte, so dass ich in Offenburg in meinen ursprünglichen Zug einsteigen konnte. Ankunft nach Plan. Also kurz gesagt: Hier lachte das Herz des Eisenbahner-Kindes.

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