Ein Blick hinter die Buchstaben… Fragen an die Schriftstellerin Susanne Gerdom

Send to Kindle

Spannende Romane, faszinierende Geschichten, Figuren, die sich den Leserinnen und Lesern einprägen – ohne die Möglichkeiten des Self-Publishing wären vielleicht viele literarische Schätze nach wie vor verborgen geblieben. Aber seit einigen Jahren ist die Auswahl jenseits der Verlagswerke größer geworden – und das interessante, breit gefächerte Angebot in Eigenregie publizierender Autoren wird, wie z.B. die Bestsellerlisten bei Amazon zeigen, mit Begeisterung angenommen. Einigen dieser Autorinnen und Autoren aus der Self-Publisher-Szene habe ich einen Fragenkatalog vorgelegt. Ich fragte, was mich als Leser oder als Kollege interessierte. Diese so entstandenen „Interviews“ werde ich in loser Folge auf meinem Blog veröffentlichen.

Ich danke allen, die sich meinen Fragen gestellt haben und so allen Interessierten einen Blick hinter die Buchstaben ihrer Bücher gewähren.

Ralf Boscher

Susanne_Gerdom_Portrait
Heute zu Gast auf Boschers Blog: Susanne Gerdom

Hallo Susanne, schön, dass ich Dich auf meinem Blog begrüßen darf! Um gleich einzusteigen:

Was siehst Du als Deinen bisher größten schriftstellerischen Erfolg an?

Ich glaube, das ist immer noch der Glückstreffer, mein allererstes Manuskript gleich bei einem renommierten Verlag untergebracht zu haben. Das ist so etwas wie ein Sechser im Lotto … Ansonsten freue ich mich bei jedem erschienenen Titel, ganz gleich, ob Verlag oder SP, wie ein Wildschwein darüber, wenn ich positives Feedback bekomme. Der Applaus ist leider auch in meiner Branche oft das einzige Brot des Künstlers. ;-)

Wer ist Dir die liebste Figur in einem Deiner Romane oder in einer Deiner Geschichten?
Elbenzorn_Susanne-Gerdom
Im Prinzip sind das immer die Figuren, mit denen ich gerade zugange bin. Und da ist es nicht immer die Protagonistin oder der Hauptdarsteller, die mir die liebsten sind, sondern oft auch eine Nebenfigur. (Der Zwerg Trurre in „Elbenzorn“ ist so eine Figur. Der ist mir beim Schreiben so lieb geworden, dass ich ihm fast erlaubt hätte, das Buch zu kapern und aus einem Elbenbuch ein Zwergenabenteuer zu machen …)

Im Moment bin ich allerdings sehr verliebt in Magnus – Lord Magnus Algernon Seymour, der Protagonist des „Blauen Todes“. (Clockwork Cologne)

Wer ist Dir die liebste von Dir nicht erschaffene Figur in einem Roman oder einer Geschichte?

Einfache Antwort: Samuel Mumm. (Terry Pratchett)

Der für Dich gelungenste erste Satz einer Deiner Geschichten?

Ich bin kein „erste Sätze“-Fanatiker. Deshalb feile ich daran auch nicht besonders herum und ich hab sie auch beileibe nicht parat. Ein wirklich schöner erster Satz stammt von jemand anderem: „Wes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten“. ;-))

Wenn Du nicht Schriftstellerin, sondern Musikerin wärst – welche Musik würdest Du machen?

Arrrrgh. Klassik, definitiv. Ich wollte, ich könnte singen, aber Klavierspielen wäre auch schon schön. Oder klassische Gitarre.

Was macht einen Menschen zum Schriftsteller? Das Schreiben oder das Gelesen werden? Oder…?

Das ist eine komplexe Frage. Schreiben allein reicht nicht, das ist ein Volkssport. Und genauso wenig, wie jemand, der in seiner Freizeit ein bisschen kickt, professioneller Fußballspieler ist, kann sich jemand, der in seiner Freizeit ein bisschen schreibt, sich gleich „Schriftsteller“ nennen. Das Gelesen-Werden ist aber auch kein ausreichendes Indiz.

Vielleicht ist es, wie bei allen Tätigkeiten, die eine gewisse Formung, Ausbildung und Disziplin erfordern, genau das: die Professionalität, mit der man sein Tun betreibt. Also muss ein Schriftsteller nicht notwendigerweise auch einen Leserstamm haben, aber er braucht auf jeden Fall die Ernsthaftigkeit und die Fähigkeit, sein Tun auch dann fortzuführen, wenn es eben keinen Beifall, keinen Erfolg, keine Sichtbarkeit erzielt. Dennoch dranbleiben, sich weiterentwickeln, nie stehenbleiben, nie zufrieden sein, jeden Tag schreiben, auch wenn tausend andere Dinge locken, auch wenn es weh tut … So jemanden würde ich Schriftsteller nennen, auch wenn er nie ein Wort veröffentlicht hat.

Deine Einschätzung: Ist es förderlicher für eine gute Schreibe, mit seiner schriftstellerischen Arbeit seine Brötchen zu verdienen oder einem anderen Brotberuf nachzugehen?

Förderlich für eine gute Schreibe ist Übung und Weiterentwicklung. Förderlich für ein ruhiges Kissen zum Schreiben ist ein Brotjob. Kaum zehn Prozent der Autoren können von ihrem Tun leben (und davon sind die Mehrzahl Sachbuchautoren, keine Belletristen). Und „davon leben“ heißt in der Regel: am Existenzminimum. Ich würde niemals einem jungen Autor mit Erstveröffentlichung raten, seinen Job zu schmeißen.

Von der Grundidee zur fertigen Geschichte: Ist das bei Dir ein gerader Weg oder passiert es Dir, dass Du Dich weit von der Grundidee entfernst?

Ich bin Pantserin. Ich habe eine Grundidee (und bei meinen Verlagsprojekten auch ein relativ ausgefeiltes Exposé), aber wenn man sich das fertige Manuskript anschaut, dann hält diese Grundlage maximal bis zur Hälfte. Meistens nur fürs erste Viertel. Ab da geht es holterdiepolter über Stock und Stein quer durch die Wildnis.

Welcher Art sind die Szenen, die für Dich die größten Herausforderungen stellen?

Die „Verbindungsszenen“. Die Stellen, an denen ich von einem Ereignis irgendwie zum nächsten überleiten muss. Zu bewältigende Wege und Strecken. Ich hasse Reisebeschreibungen. Und ich habe gelernt, wo es geht, einfach einen Schnitt zu machen. Wenn ich eine Szene schon mit langen Zähnen schreibe … wie soll sie einem Leser dann gefallen?

Die zweite Kategorie sind Sexszenen. Ich muss zugeben, dass ich sie in der Mehrzahl der Bücher für überaus überflüssig halte und auch hier eher dazu tendiere, einen Schnitt zu setzen.

Was bereitet Dir die größte Freude beim Schreiben?

Das Tüfteln. Ich liebe das Entwerfen von Szenerien, Welten, Konstellationen, Figuren, Sprachen … Und natürlich ist es immer wieder ein Gefühl, als würde man fliegen, wenn der Flow einsetzt. Das passiert nicht jeden Tag, aber wenn es passiert, ist es schöner als alles andere.

Der für Dich wertvollste Schreibtipp, den Du erhalten hast?

Ich habe bisher wenig Schreibtipps von anderen bekommen, aber ich höre mir immer gerne an, wie KollegInnen mit ihrer Arbeit umgehen. Das Wichtigste, denke ich, was ein Autor wirklich befolgen sollte, ist die Kontinuität. Wenn möglich, sollte man jeden Tag schreiben, und wenn es nur ein paar Zeilen sind.

Manchmal noch Papier und Stift? Oder nur noch Schreiben am Rechner?

Eindeutig und ausschließlich am Rechner. Ich habe ein Notizbuch, das ich noch mit Bleistift nutze, aber alles, was über das reine Aufschreiben von Gedankenfetzen hinausgeht, verlangt nach einer Tastatur. Mit der Hand schreibe ich zu langsam und zu unleserlich, das macht mich irre. Und auch, dass man nicht einfach löschen, verschieben, überschreiben kann, wenn man die altmodische Hardware benutzt. Ich tippe blind und im Zehnfingersystem, das ist schon sehr komfortabel.

Welches Schreibprogramm nutzt Du?

Angefangen habe ich mit Word. Das ist ja für umfangreiche Dokumente unpraktisch, also habe ich nach einer Alternative gesucht, bin bei Papyrus gelandet, hab mich damit aber nicht wirklich wohl gefühlt und schreibe jetzt seit ein paar Jahren in Scrivener, das bietet eine Reihe von ungeheuer praktischen Features neben der Textverarbeitung. Ich habe immer alle meine Notizen, Personenlisten, Recherchelinks usw gleich bei der Hand, ich kann den Text in jedes denkbare Format ausgeben (sogar, wenn ich das wollte, in ein ganz brauchbares epub oder mobi) und das Programm ist erstaunlich absturzsicher. Ich denke, damit habe ich mein Programm für den Rest des Schreiberlebens gefunden.

Schreibzeiten: Wann schreibst Du? Schreibst Du an festgelegten Uhrzeiten oder setzt Du Dir zum Beispiel pro Tag eine Zeichenmenge?

Ich schreibe den Löwenanteil abends bis nachts. Und ich habe eine Mindestseitenzahl, die ich erreichen will (pro Woche 50 Seiten). Das heißt, es ist ein „Sieben-Seiten-pro-Tag“-Ziel, das ich anstrebe.

Wie viel Zeit verwendest Du am Tag für das Marketing? Und welche Kanäle nutzt Du für die Werbung?

Immer noch zu wenig Zeit, obwohl mir das natürlich schmerzlich von der Schreibzeit abgeht. Zwei Stunden am Tag? Könnte Pi mal Daumen hinkommen. Dazu gehört es auch, Leserbriefe zu beantworten. (Oder Leserpostings, wenn man es genauer nimmt …)

Ich nutze meine eigene Website, Facebook und Google + – Twitter eher weniger, obwohl das dumm von mir ist.

Bereitet Dir das Schreiben größere Freude, seitdem es mehr Möglichkeiten der Veröffentlichung gibt (E-Books, Selfpublishing…)?

Größere Freude … nein. Es ist mehr Arbeit geworden, es ist weniger Schreiben, weil es Spaß macht, mehr Job. Aber das birgt ja seine eigenen Freuden und Befriedigungen. Die Möglichkeit, ein Projekt nach eigenem Gusto schreiben und gestalten zu können, hat viel Schönes. Auch wenn hier, genau wie beim Schreiben für den Verlag, das kaufmännische Denken leider wieder Grenzen setzt. Wenn ich schreiben will, um zu verkaufen, muss ich Kompromisse eingehen. Mein „unverkäufliches Buch“ – Projekt Armageddon – hat einen kleinen, begeisterten Leserkreis gefunden, aber das Verdikt meiner Verlage („Das kriegen wir nicht verkauft, das ist zu anspruchsvoll“) über das ich damals ungläubig gelacht habe, scheint verdammt zu stimmen.

Die „Thomas Mann“-Frage: Du schreibst, Dein Mann oder Freund kommt herein oder ein guter Freund ruft an oder Dein Kind möchte etwas von Dir wissen – verbittest Du Dir die Störung, weil Du schreibst, oder lässt Du Dich auf die „Planänderung“ ein?

Ich lebe in einer beständigen Planänderung, weil ich unser gemeinsames Arbeitszimmer nutze, in dem immer auch ein Teil unserer Katzen herumhängt. Ich bin inzwischen Meisterin im Ausblenden. Aber meine Familie bemüht sich, mich in Ruhe zu lassen. Weitgehend. In der Regel. (Ich schrieb oben, dass ich den Löwenanteil meiner Arbeit abends/nachts erledige. Noch Fragen? *g*)

Die „Charles Bukowski“-Frage: Hältst Du Alkohol für eine sinnvolle Stimulanz beim Schreiben?

LOL. Nein. Wenn ich unter Alkohol schreibe, was mir gelegentlich passiert ist, dann kann ich das Zeug morgens nüchtern besehen wegwerfen. Also lass ich es. Ein Glas Wein NACH dem Schreiben. Das kommt besser.

Du gehst schlafen, liegst bereits im Bett, das Licht ist aus – da kommt Dir eine Schreibidee in den Kopf: Stehst Du auf und notierst Dir die Idee?

Ja. Ich hab ein Notizbuch am Bett liegen.

Hast Du mit einer Geschichte abgeschlossen, wenn Du unter sie ein „Ende“ gesetzt hast?

Notgedrungen. (Es gibt keine Enden. Jede Geschichte geht im Prinzip endlos weiter, das ist das Leben.) Aber da ich in der Regel nach drei Monaten von jedem Projekt die Nase gestrichen voll habe und längst mindestens zwei andere Projekte dringend an die Tür klopfen, fällt es mir leicht, ein Manuskript abzuschließen. Ich leide in der Regel nicht unter Trennungsschmerz. Dass mir nachträglich eine Menge Verbesserungswürdiges ein- und auffällt – das ist normal. Da muss man lernen, die Finger davon zu lassen.

Vielen Dank Susanne, dass Du Dir die Zeit genommen hast, diesen „Blick hinter die Buchstaben“ zu ermöglichen!

Ich danke dir für die schönen Fragen!

Der_blaue_Tod_Susanne-Gerdom_Clockwork_Cologne
Susanne Gerdom wurde am 17. November 1958 in Düsseldorf geboren, aufgewachsen ist sie im niederrheinischen Rheinhausen. Nach Abschluss ihrer Lehre als Buchhändlerin begann sie sich mit Pantomime und Clownerie zu befassen und arbeitete mehrere Jahre als Schauspielerin und Regisseurin (Quelle)

Susanne Gerdom schreibt Fantasy für Jugendliche und Erwachsene (u.a. für die Verlage Piper, ArsEdition und Ueberreuter, man findet sie dort auch unter den Pseudonymen Frances G. Hill und Julian Frost). Zudem veröffentlicht sie unter ihrem Geburtsnamen im Self-Publishing-Bereich (Quelle).

Sie ist Gründungsmitglied der „42erAutoren – Verein zur Förderung der Literatur e.V.“ und gründete darüber hinaus 2013 mit einer Gruppe von AutorInnen und Autoren die Indie-Plattform „Qindie“, welche sich als unabhängige Plattform für Selfpublisher versteht und ein Qualitätssiegel für Indie-Literatur ins Leben gerufen hat. (Quellen: Wikipedia, Qindie)

Susanne Gerdom lebt, wohnt und arbeitet im Familienverband mit vier Katzen und zwei Menschen in einer kleinen Stadt am Niederrhein (Quelle).

Homepage von Susanne Gerdom
Amazon-Autorenprofil
Wikipedia-Artikel
Facebook-Seite der Autorin

Wie gefällt Euch der Beitrag?
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (No Ratings Yet)

Loading ... Loading ...

Dieser Beitrag wurde unter Boscher fragt abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Ein Blick hinter die Buchstaben… Fragen an die Schriftstellerin Susanne Gerdom

  1. Am zitierten Satzanfang erkennt man die Wagnerianerin. Es lebe die Blumensprache!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>