Lord of the Flies, aus: “Tiefer in die Dunkelheit. Erotik, Thrill, Horror”. Leseproben

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Ralf Boscher - Tiefer

Daphne liebte ihren Körper, sie sah sich gerne im Spiegel an, drehte und wendete sich, folgte mit ihren Augen ihren Händen, die über ihre Haut strichen, probierte immer neue Anblicke aus, die sie mit ihrer Digitalkamera aufnahm – ob nun nackt oder in Outfits, die ihre körperlichen Vorzüge betonten. Dann bearbeitete sie die Bilder, um sich selbst in unterschiedlichem Licht zu sehen, hob mit verschiedenen Helligkeiten immer neue Facetten ihres Leibes hervor oder betonte mit Schwarz-Weiß-Bildern ihre Figur, die Mann um Mann an ihrem Profil in der Flirtline hängen bleiben ließ, wie Fliegen an den klebrigen Streifen einer Fliegenfalle.

Erst hatte sie mit den Männern nur über diese Internet-Kontaktbörse gesprochen – und Fotos hatten sie per E-Mail ausgetauscht. Aber nicht lange hatte es gedauert, bis sie sich einen Messenger auf ihren Laptop geladen hatte, und von da an hatte sie mit ausgewählten Männern, die sich auf dem Feld der Flirtline bewährt hatten, in Echtzeit chatten und Fotos ansehen und zeigen können. Schließlich hatte sie sich auch eine Webcam zugelegt – und egal, ob sie den Männern erlaubte, sie anzusehen oder nicht, diese Webcam hatte sie immer an, so dass sie sich selbst beim Chatten zu schauen konnte. Sich selbst zu sehen, zu sehen und dann auch zu berühren, erregte Daphne, hatte sie schon immer erregt, aber von anderen gesehen zu werden, ihnen Fotos von sich zu zeigen, oder gar andere sehen zu lassen, wie sie sich berührte, multiplizierte diese Erregung noch. Ihr Leib war die Partitur, nach der sie in den Monaten, seitdem sie das Forum des Onlineflirtens für sich entdeckt hatte, die Männer musizieren ließ – und jeder, der im Ton daneben lag, flog aus ihrem Orchester heraus, dass sie sich mittlerweile aufgebaut hatte. Ein, obwohl es ihr realer Körper war, den sie zeigte, obwohl es ihre Fantasien waren, die sie aussprach, rein virtuelles Orchester, denn bislang hatte sie noch keinen dieser Männer getroffen, bislang hatte sie noch kein Bedürfnis gehabt, sich jemandem wahrhaftig zu zeigen, einen Mann zu treffen oder auch nur mit einem von ihnen zu telefonieren – bis sie ihn vor einigen Wochen kennenlernte, ihn, „Lord of the Flies“, wie er sich im Chat nannte.

Wenn sie ehrlich zu sich wäre, dann müsste sie sich eingestehen, dass sie eigentlich nur noch online ging, um mit ihm zu chatten. Spielte sie ihr Spiel mit anderen Männern auch weiterhin, so fand sie es meist mehr fade als stimulierend. Diese Männer waren Brücken über die träge dahin fließende Zeit, die es dauerte, bis er online ging. Dies sich einzugestehen, hätte aber geheißen, zuzugeben, dass sie im Begriff war, die Kontrolle zu verlieren – dass sie die Kontrolle schon verloren hatte. Es gab eine Stimme in ihr, die ihr genau dies immer öfter signalisierte: eine Stimme, die ebenso leise wie eindringlich von Verliebtsein sprach, von Gefühlen, die sie aus der Bahn werfen könnten, wenn sie diese weiter zu ließe. Eine gleichsam vernünftige wie auch romantische Stimme, denn wenn diese Stimme weniger romantisch gewesen wäre, dann hätte sie auch von Sucht sprechen können, davon, dass er dieses Spiel der Verführung besser spielte, als sie selbst, davon, dass er sie abhängig machte von seinem Willen, seiner Präsenz in ihren Leben. Sie hätte von Gefahr sprechen können, die darin lauere, dass er sie von Tag zu Tag mehr aus ihrem gewohnten Leben herauslöste, sie von ihren realen Freundinnen und Freunden abtrennte, in dem er mehr als einmal von ihr verlangte am Rechner zu sein, auch wenn sie eigentlich verabredet gewesen war. In dem er verlangte, vor anderen Männern, die sie per Webcam sahen wie er, wesentlich intimere Dinge zu tun, als sie es selbst gut hieß. Große Alarmglocken hätten schrillen können, da sie diese von Mal zu Mal obszöneren Dinge tat, obwohl sie vor Scham weinen musste. Da sie weinte – und gleichzeitig vor Lust zuckte, sah sie doch, wie sehr ihn es erregte, dass sie so folgsam war.

Aber keine Alarmglocken schrillten, er hatte etwas an sich, das sie alle Vorsicht vergessen ließ. Mehr noch, je länger sie ihn kannte, desto größeren Raum nahm er in ihrem Denken ein, füllte sie so aus, dass für Bedenken kein Platz mehr war und sie die Tage in einer Art gedankenloser Ekstase durchflog. Da konnte sie weinen vor Scham, da konnte sie wütend schreien, weil er sie versetzt hatte und einfach nicht online war, obwohl er es ihr versprochen hatte – sie hielt an ihrem Credo fest: Es ging um Sex, nicht um ihre Seele. So war das, so sollte es sein – er war eben ein besonders geschickter Mitspieler, ein Künstler der verbalen Inszenierung, gesegnet mit einer wortgewandten erotischen Fantasie, so sagte sie sich. Und er sah teuflisch gut aus! Auch er hatte noch nicht ihr Gesicht gesehen, auch er hatte noch nicht in ihre Augen geblickt – aber das war bislang nur deswegen noch nicht geschehen, weil er es nicht wollte. Ihm als aller Ersten hatte sie sich gleich beim ersten Kennenlernen voll und ganz zeigen wollen. Sie hatte es gleich in dem Moment gewusst, als er sie ansprach, als sie in seine Augen auf dem Profilbild gesehen hatte – gleich im ersten Moment hatte sie es gewusst, dass er sie über die Grenze treiben würde. Doch dann beim Chat, als sie sich über Webcam sahen, als er sah, wie ihre Hand zur Kamera griff, um deren Position zu verändern und ihm sein Gesicht zu zeigen – da hatte er es ihr verboten. „Ich wähle den Zeitpunkt, an dem es dir erlaubt ist, dein Gesicht zu zeigen!“, hatte er geschrieben – und sie hatte gehorcht. Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen.

[...]

Dann trug er Daphne, während Pluto aufgeregt wie ein junger Welpen um sie herumsprang, tief in den Wald hinein, der erfüllt war vom Summen und Brummen der Insekten, die im Unterholz um sie herum tanzend den nahenden Abend begrüßten. Daphne schloss die Augen und lächelte. Der letzte klare Gedanke, bevor er das Vibrieren seiner Finger wieder verstärkte, war der, dass sie den Stadtwald gar nicht so groß in Erinnerung hatte. Die Fliegen, die über seinem Kopf kreisten, bemerkte sie nicht. Bemerkte nicht die Würmer, die bei jedem seiner Schritte aus dem feuchten Waldboden krochen. Die Käfer, die sich von dem dichten Farn fallen ließen. Die Spinnen, die ihre Nester und Jagdlöcher zurückließen und auf 8 Beinen ihnen folgten. All das Getier, das schließlich um sie herum kreuschte und fleuschte, bemerkte sie nicht, während der Lord sich seinem Ziel näherte.

[...]

„Es beginnt!“, stöhnte er und legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf Daphne, presste seinen Mund auf ihren, und sie küssten sich gierig, während Daphne ihre Beine um seine Hüften schlang und zuckte und zuckte, da er seinen Unterleib kreisen ließ, mit der Wurzel seines Stammes ihren Schoß massierend.

„Jetzt!“, stöhnte er, und Pluto sprang auf und begann zu bellen, auf der Stelle im Kreis zu springen, während Daphne „Oh ja!“ schrie, ihre Finger in die lose Erde hinein wühlte, die warm und feucht zwischen ihren Fingern emporquoll, und seine Stöße schneller wurden und unkontrollierter, sein Gesicht ganz nah an ihrem, Auge in Auge mit Daphne, die plötzlich mitten in ihren Bewegungen innehielt. Daphne, die ihre weit geöffneten Augen noch weiter aufriss, aber nicht vor Lust, sondern vor Unglauben, im ersten Moment vor Unglauben, dann vor Ekel, während Pluto den Nachthimmel anheulte, da die Bewegung, die Daphne in den Augen des Lords sah, jene Bewegung, die sich von hinter seinen Augen nach vorne in seinen Blick zu arbeiten schien, schließlich seine Pupille durchbrach mit ihrem Wimmeln auf sechs Beinen. Jene Bewegung, die zu einer, nein, zwei, drei großen schwarzen Fliegen wurde, die aus seinen Augen krochen…

[...]

Ende der Leseproben aus der Erzählung “Lord of the Flies” aus Ralf Boschers eBook / Taschenbuch “Tiefer in die Dunkelheit. Erotik, Thrill, Horror”

Vier Geschichten, vier Begegnungen. Die Verheißungen einer Nacht. Die verzehrende Leidenschaft eines gierigen Gemüts. Dann die Sehnsucht nach Zweisamkeit, Verlangen und Liebe, die in die Fänge des brutalen Schreckens führt. Und am Ende Begehren, Lust, Gier – Horror. Vier Geschichten, die immer tiefer in die Dunkelheit führen. Erotisch, sinnlich, dann auch schmerzvoll, albtraumhaft

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