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XXL Leseprobe – Gelobt sei, was hart macht, aus: Abschied ist ein scharfes Schwert. Ein Mordsroman

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Abschied ist ein scharfes Schwert. Ein Mordsroman

Erstes Kapitel

Gelobt sei, was hart macht

1.

Am Tage meiner Geburt regnete es. Hunde und Katzen, sagte mein Opa. Das schlimmste Unwetter seit Langem. Ein einziges Blitzen und Donnern. »Brandt, dem alten Sack, hat es die Scheune weggefackelt!«, erzählte er. Und während die Freiwillige Feuerwehr ausrückte, um dem Blitzschlag geplagten Bauer Brandt beizustehen, tat ich im baufälligen Krankenhaus der kleinen Gemeinde am Niederrhein meinen ersten Schrei. Doch mochte es draußen auch gießen, als wäre das Ende der Welt angebrochen, ich trug die Sonne im Herzen. Vater hat kurz nach meiner Geburt ein Photo geschossen: meine Mutter, noch gezeichnet von den Strapazen der Geburt, im Hintergrund ein provisorisch aufgestellter Eimer, um von der Decke tropfendes Wasser aufzufangen, und ich, ich, in die Kamera strahlend wie ein sonnenfrischer Frühlingsmorgen.

Gleichwohl war nicht alles eitel Sonnenschein. Ich war ein schwächliches Kind mit weichen, leicht zu beschädigenden Knochen, die nicht in der rechten Weise wachsen wollten. Man hat meinen Wachstumsversuchen rabiat nachhelfen müssen. Einen stummen Zeugen dieser Zeit bewahre ich noch heute auf: den Abdruck eines Kinderrückens aus Gips, wie er hätte sein sollen, versehen mit mehreren Gurten, die mich an diese Form fesselten, und zwei auf der Unterseite quer genagelten Holzlatten, die verhinderten, dass ich mitsamt meiner Idealform aus dem Bett falle.

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Aus dem Kapitel „Hells Bells“, Leseprobe aus dem Romanmanuskript „Der Knochenturm“

Etwas, an dem ich arbeitete… (aus Boschers Werkstatt)
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Das war guter Stoff. Stoff, mit dem sie arbeiten konnte. Und allmählich kristallisierte sich ein Plan heraus, der ihrer dunklen Sehnsucht nach Rache gerecht wurde. Wenn er denn aufginge, würde in Aldekerk nichts mehr so sein wie zuvor. Geformt von ihrem Schmerz würde das Dorf sein, jetzt und immerdar – und was sie über die Sprösslinge erfahren hatte, ließ sich wunderbar in ihren nächsten Roman, den Roman ihres Lebens, vielleicht den letzten Roman ihres Lebens, einbauen. Die Geschichte ihrer Rache.

Lisa hatte gleich mit ihrem ersten Roman, einem Fantasy-Liebesroman, einen Treffer gelandet, die Fortsetzungen waren sogar noch erfolgreicher gewesen. Sie hatte großes Glück gehabt. Der richtige Stoff, die richtige Schreibe zur rechten Zeit. Sie hatte einen Nerv getroffen und vor allem junge Mädchen (und deren Mütter), wenn man denn den Analysen des Verlages glauben mochte, rissen ihr die Bücher aus den Händen.

Den ersten Roman hatte sie in den vielen einsamen Stunden ihrer Jugend verfasst, aber nie jemandem zu lesen gegeben, weil sie Angst vor negativen Reaktionen hatte. Aber Monate nachdem sie Aldekerk verlassen hatte, setzte sie auf ihr Manuskript all ihre Hoffnungen.

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Imperias Lachen, Leseprobe aus dem Kapitel “Der Ritt über den Bodensee”, entnommen dem Roman “Abschied ist ein scharfes Schwert. Ein Mordsroman”

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Ein wenig Konstanz wird dir gut tun! hatte sie mir gesagt, und: Bleib’ auf deinem Platz, und du wirst die Welt in Händen halten! Was ich aber nun in Händen hielt, war mitnichten die Welt, und gut ging es mir damit auch nicht. Einen Moment lang hoffte ich noch, dass ich mich irrte. Dem aber war nicht so. Auf ihren hochgereckten Händen aus Stein wurden weltliche wie geistliche Macht ein Raub der Flammen. Ihre Asche verwehte der Wind. Auch ihre gewaltigen, nur halb von dem gewagt geschnittenen Kleid bedeckten Brüste brannten. Das sah aus, als würden Feuerwürmer aus ihrem Ausschnitt kriechen. Ihr Gesicht war in der Hitze kaum auszumachen. Aber ihre Brüste brannten nicht nur. Vielmehr hoben und senkten sie sich, wie es bei Menschen der Fall ist, die schwer atmen, und nicht allein, dass sie also atmete, sie hatte darüber hinaus ihren Platz auf dem Podest verlassen und kam über den Steg, an dessen Ende sie normalerweise hoch über dem Hafen thronte, langsamen, gemessenen Schrittes auf mich zu. Sie hatte ja Zeit. Ich lief ja nicht weg. Lauf weg! Lauf doch endlich weg, du Idiot! schrie es zwar in mir, aber ich war unfähig, von der Bank aufzuspringen.

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Am Niederrhein – Leseprobe aus “Abschied ist ein scharfes Schwert. Ein Mordsroman”

Brigittenhauschen

“Kassandra war auch so eine. Ich meine, auch sie wurde befragt. Denn sie war die beste Freundin von Julia gewesen. Und so trafen wir uns vor dem Zimmer unseres Psychologen, und da wir uns über Julia flüchtig kannten, kamen wir zuerst ins Gespräch und dann vom Höcksken aufs Stöcksken.

Das mit Julia ging ihr auch an jenem Tage nah. »Ich hab‘ überhaupt nicht gemerkt, dass es ihr so dreckig ging«, weinte sie in meinem Arm, als wir in meinem Auto saßen, »Sie war doch frisch verliebt!«, seufzte Kassandra.

Dem traurigen Anlass, der uns zusammengeführt hatte, und auch dem Ort entsprechend, den ich – auf Kassandras Bitte hin – angesteuert hatte, nämlich einen Feldweg in Sichtweite jenes nun stoppeligen Feldes, auf dem Julia in goldreifem Weizen ihr Ende gefunden hatte, legte ich meine Doors-Cassette in das Autoradio ein. This ist the end my only friend sang Jim Morrison, aber in diesen Minuten fing die Geschichte zwischen Kassandra und mir an.

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Best of… eine Horrorstory über Schönheitswahn – Leseprobe

Ralf Boscher - Best of
Bring mir ihre Haare! Ihren Mund! Bring mir ihre Augen! forderte die Stimme Zoe auf. Wir wollen sie, wir brauchen sie! Und Zoe lächelte, was der Wut, die sich in ihrem Gesicht spiegelte, etwas Diabolisches verlieh, sah sich kurz um, Niemand zu sehen, gut!, und trat einen Schritt nach vorne, nun kaum mehr vom Gebüsch gedeckt, trat auf einen Ast, der laut knackend zerbrach, woraufhin Sarah sich umdrehte.

Doch bevor Sarah mit ihren schönen Augen sehen konnte, wer oder was sich ihr näherte, schlug Zoe mit Kraft und Präzision zu. Für sie fühlte es sich an, als hätte im letzten Moment vor dem Schlag eine helfende Hand nach dem Ast gegriffen und diesen genau auf jene Stelle von Sarahs Hinterkopf gelenkt, die optimale Wirkung bei möglichst geringer Zerstörung versprach. Sie war überrascht, wie leicht ihr dies von der Hand ging. Ein dumpfes Ploch, ein kurzes Aufstöhnen, und Sarah sackte ohnmächtig zur Seite. Einen Moment lang blieb Zoe mit dem Ast in der Hand über Sarah stehen. Kein Blut war zu sehen. Sarah lag auf der Seite, als würde sie schlafen. Allerdings hatte sie ihre Augen geöffnet, was Zoe einen Augenblick lang erschaudern ließ. Vielleicht hatte sie ja doch zu fest zugeschlagen?

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Der Schrei – Zweiter Teil des Kapitels aus „Engel spucken nicht in Büsche. Roman über Liebe, Tod und Teufel“

Ralf Boscher - EngelDer Schrei

II.

Eines späten Nachmittags hatten die Schwestern, weil die Station heillos überbelegt war, einen jungen Mann mitsamt Bett zu Hannes ins Zimmer geschoben, den sie bislang, meist aus Rücksicht auf die anderen Patienten, alleine gelassen hatten.

In seiner Andacht gestört, steigerte Hannes sich in lautes Beten hinein, woraufhin ihm Schwester Renate eine kräftige Beruhigungsspritze gab und er weg dämmerte.

Es wurde Abend. Der junge Mann war während des Fernsehens eingeschlafen, der Apparat lief noch. Durch das wechselnde, bläuliche Licht des Fernsehbildes flackerte es im Zimmer wie bei einem Gewitter; und als Hannes aufwachte, da schien ihm, als donnere es, und der laut eingestellte alte Apparat dröhnte die dunkle Stimme des Sprechers hervor:
„Vakuumaspiration!“

Es lief ein Dokumentarfilm über Schwangerschaftsunterbrechungen. Hannes sah eine halbnackte, anästhesierte Frau mit gespreizten Beinen auf einem gynäkologischen Stuhl sitzen. Dann fuhr die Kamera in ihren Unterleib. Er starrte in die Gebärmutter einer Schwangeren, und die nächste Einstellung zeigte einen Embryo in Großaufnahme. Düsteres Orgelszenario hörte Hannes im Hintergrund. Wie eine Schlange sich windend, bedrohlich, weil fremd wirkend in dem warm ausgeleuchteten, umsorgenden, mütterlichen Organ, schob sich ein roter, steriler Schlauch ins Bild. Der Kamera-Ausschnitt wechselte, und Hannes blickte, nun aus der angenommenen Perspektive des Embryos, auf die Spitze des für den Betrachter aus dieser Sicht riesig aufragenden Schlauches. Hannes sah die Schlange auf sich zukommen, wie Michael dereinst den Drachen, und nässte ins Bett.

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Amouröses an der Uni – Deleted Scene aus “Abschied ist ein scharfes Schwert. Ein Mordsroman”

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Miriam war mir im Seminar über Phänomenologie aufgefallen. Zurück zu den Sachen! Klar, warum lange drum herumreden. Als ich sie auf einer der wöchentlich stattfindenden Asti-Diskos zusammengesunken in der Ecke sitzen sah, kam ich gleich mutig zur Sache (hatte mich zuvor nicht gerade, was den Alkohol angeht, in phänomenologischer Enthaltsamkeit geübt): „Geht es Dir nicht gut, kann ich Dir helfen?!“ Sie war einige Stunden zuvor von ihrem Freund verlassen worden, sah aber auch mit ihren verweinten Augen sehr ansprechend aus (was ich natürlich nicht nur dachte, sondern auch hervorhob). Miriam war sehr redselig in ihrem Kummer, zeichnete sich auch ansonsten durch besondere Zungenfertigkeit aus, soweit dies unter dem erheblichem Alkoholeinfluss meinerseits noch objektiv festzustellen war. Deswegen hätte ich diese Erfahrung gerne unter günstigeren Bedingungen wiederholt, wozu es aber wegen Schulterzuckens ihrerseits nicht kam. Sie wolle nichts überstürzen. Ihr Freund würde es sich sicher anders überlegen, wäre nicht das erste Mal, und würde Morgen mit Blumen vor ihrer Tür stehen. „Man sieht sich!“, meinte Miriam beim Abschied noch zu mir.

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Lord of the Flies, aus: “Tiefer in die Dunkelheit. Erotik, Thrill, Horror”. Leseproben

Ralf Boscher - Tiefer

Daphne liebte ihren Körper, sie sah sich gerne im Spiegel an, drehte und wendete sich, folgte mit ihren Augen ihren Händen, die über ihre Haut strichen, probierte immer neue Anblicke aus, die sie mit ihrer Digitalkamera aufnahm – ob nun nackt oder in Outfits, die ihre körperlichen Vorzüge betonten. Dann bearbeitete sie die Bilder, um sich selbst in unterschiedlichem Licht zu sehen, hob mit verschiedenen Helligkeiten immer neue Facetten ihres Leibes hervor oder betonte mit Schwarz-Weiß-Bildern ihre Figur, die Mann um Mann an ihrem Profil in der Flirtline hängen bleiben ließ, wie Fliegen an den klebrigen Streifen einer Fliegenfalle.

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Dendritenflipper – eine Szene mit Lichterblinken und Pling

Ralf Boscher - Engel

Alex Unbehagen stieg mit jeder Stufe, die er im Hausflur hinabging, und plötzlich, auf dem Fuß der Treppe, hatte Alex die Frage. Und nur einen Schritt weiter hatte er auch die Antwort.

Wann hatte Helen eigentlich den Unfall? so lautete die drängende Frage, und sie ging zusammen mit dem bohrenden Unbehagen in genau der Antwort auf, die er am wenigsten hören wollte: An dem Abend, an dem ich sie abgekanzelt habe! Er schlug die Tür des alten Audi zu, drückte die Zigarette aus, startete, gab Gas und KLACK! schoss er los. Sein schlechtes Gewissen katapultierte ihn in einen ganzen Apparat von Schuldgefühlen. Dendritenflipper: Überall blinkten Lichter, und PLING! stieß ihn das Vonsichselbstenttäuschtsein durch den Raum, durch den er, konfus sich um alles andere als um seine Achse drehend, raste.

Er knallte vor das ZU SPÄT! und das BRÜLLEN des Schaffners ertönte wieder: ABGELAUFEN! Abgelaufen! dröhnte es in Alex Ohren, während eine Art magnetischer Sog ihn auf der Stelle festhielt. Abrupt hörte das Dröhnen auf, Farben wechselten rasend schnell und der Sog löste sich. Alex bekam einen Schlag von hinten und schoss wieder quer durch den Flipper. AN DEM ABEND, DA ICH SIE ABGEKANZELT HABE! sang quäkend eine etwas leiernde Automatenstimme und bei: ICH HAB’ ES NOCH NICHT MAL GEWUSST! gab es ein Freispiel.

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