Schlagwort-Archive: Philosophie

Vom Höcksken aufs Stöcksken… Von LPs zu Youtube, von “Balls To The Wall” bis “Darm mit Charme”…

Youtube_Topik
Ich bin ein echter Fan von Musik-Assoziationsabenden. War ich immer schon, schon zu Schallplatten-Zeiten. Nette Menschen zu Besuch, man plaudert bei einem Getränk über dies, über das. Lächeln hier, Lächeln dort. Einer sagt etwas, das nach „Hoooh ho hoooo!“ klingt (vielleicht war es auch nur der etwas unartikulierte Hinweis, aufs Klo zu müssen). Jedenfalls sagt ein anderer: „Das erinnert mich jetzt aber an Balls To The Wall.“ „An was?“ „Sag bloß, Du kennst Accept nicht?“

Ja, und schon geht er los, der Streifzug durch die Musikgeschichte, durch die Plattensammlung. Die einen headbangend zu “Balls To The Wall” („Sign of Victoryyyyyyyyyyyyyyyy!“), die anderen kopfschüttelnd ob einer generellen Abneigung gegenüber grandiosem Heavy Metal. „Ist ja schon irgendwie stumpf!“ Pah. Die nächste LP wird aus dem Regal gezogen. „Stumpf, pah! Die bauen sogar Beethoven ein! Hört euch das mal an…“ Und schon wandert “Metal Heart” auf den Plattenteller. Was das Kopfschütteln nur bedingt eindämmt, aber zu noch mehr Headbangen führt. „Apropos Beethoven…“ – wird dann der nächste Ball ins Spiel geworfen – „Kennt jemand Difficult to Cure?“ „Kennen?“, so der Herr über die umfangreiche Plattensammlung, in dessen Bude wir gesellig zusammensitzen. „Ich hab die Live-Aufnahme mit Orchester da, Tokyo Budokan 1984!“

Veröffentlicht unter Boschers Streiflichter | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Musik und Literatur – eine Betrachtung

Musik_Literatur1
Oh Du Fröhliche, Take The Long Way Home, The End… Ich kannte es von Stephen King, viele seiner Bücher wurden und werden eingeleitet von Zitaten aus Musikstücken, immer wieder untermalen Musikzitate den Text, geben Zitate aus Songs den Ton vor. Thomas Mann beeindruckte mich mit seiner aus Wagners Schaffen entlehnten Leitmotiv-Technik. Nietzsche kam wieder und wieder auf dieses Thema zurück, dionysisch getrieben, in dem Versuch seine Gedankenfülle apollinisch zu bändigen.

Musik ist in Literatur allgegenwärtig. Als Strukturelement, als atmosphärischer Anklang, als Text gewordene Musik, als Dichtung, als Thema. Nur einige Beispiele aus meinem Bücherregal: Nick Hornby, „High Fidelity“, Benjamin v. Stuckrad-Barre „Soloalbum“, Thomas Mann „Doktor Faustus“, Jack Kerouac „Unterwegs“. Musikalische Anklänge finden sich auch in meinen Geschichten z.B. in der Horrorstory „Oh Du Fröhliche“ rund um einen in Andrea Jürgens vernarrten Fleischer. Oder in der Kurzgeschichte „Take The Long Way Home“. In meinem zweiten Roman (hier vor allem die Musik der Doors).

Umgekehrt ließen und lassen sich auch viele Musiker von literarischen Werken anregen. Z.B. (wenn ich mir meine LPs und CDs ansehe): Pink Floyd „Animals“ (George Orwells „Farm der Tiere“), Vanden Plas „Christ O“ (Alexandre Dumas „Der Graf von Monte Christo“), Kamelot „Epica“ und „Black Halo“ (Goethes „Faust“), Blind Guardian „Nightfall in Middle-Earth (beruhend auf J.R.R. Tolkien „Das Silmarillion“), „Symphony X „Paradise Lost“ (John Milton „Das verlorene Paradies“). Unter der Überschrift „Existierende Vorlagen“ findet Ihr bei Wikipedia eine umfangreiche Liste von Konzeptalben vor allem aus dem Rockmusik-Bereich zum Thema „Literarische Vorlagen für Musikwerke“.

Veröffentlicht unter Boschers Streiflichter | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar

Eine Flasche im Bett

Waermflasche
„Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre“, mit den Worten Freuds antwortete ich einem alten Freund, der mir sein Leid mit seinem Lebensgefährten klagte.

Was war passiert?

Das Corpus Delicti war eine Wärmflasche.

Sein Lebensgefährte sei eine Frostbeule, erklärte mir mein Freund. Das wäre ja eigentlich auch nie ein Problem gewesen – jedenfalls so lange ihr Schlafzimmer noch ein erotischer Ort war. Aber mittlerweile…

„Bei ihm auf dem Nachttisch liegen seine Tabletten gegen Rückenschmerzen und eine dicke Tube mit Pferdesalbe gegen seine Meniskusbeschwerden. Auf meiner Seite stehen auf dem Nachttisch japanisches Heilpflanzenöl gegen meine ständigen Erkältungen, neben einem Nasenspray liegt Iboprofen, daneben ein Krimi, damit ich wenigstens vor dem Schlafen noch ein bisschen etwas Spannendes erlebe… Ich komme mir schon vor wie so ein altes Heteropärchen!“, ätzte er, während ich in Gedanken die Dinge durchging, die bei meiner Liebsten und mir auf dem Nachttisch liegen.

„Vielleicht ist es auch einfach das Alter.“, sagte er dann, „Egal wo du hingehst, mit wem du auch redest, Wehwehchen überall – und leider bleibt es ja nicht dabei. Kaum eine Woche vergeht ohne Hiobsbotschaften. Der oder die hat Krebs, einen Schlaganfall erlitten, Diabetes ist ausgebrochen, Bandscheibenvorfall… Krankheiten und Tod wohin du nur siehst. Und da soll einer nicht empfindlich werden…“

Veröffentlicht unter Boschers Streiflichter | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

„Mein Patronus ist ein Schweinehund“ oder: Abräuchern und Klang-Diaphragma

Klangdiaphragma_Caisa

„Ja, da muss ich dich erst einmal abräuchern!“

Meine Liebste hat ein neues Lieblingswort – und das kommt immer dann zur Anwendung, wenn ich mich über etwas aufrege. Zum Beispiel darüber, dass ich mich darüber aufrege, dass ich mich aufrege. Herr, schmeiße Gelassenheit vom Himmel!

Früher habe ich Stress besser verpackt. Konnte abschalten. Zur Ruhe kommen. Doch diese Zeiten sind anscheinend vorbei, jedenfalls im Moment. Und deswegen: „Abräuchern!“ Sie sagt es und ich lächle. Und Lächeln ist immer gut, um Stress von sich abperlen zu lassen – wenn man nicht gerade ein „Goldenes Ei“ oder ein „Klang-Diaphragma“ zur Hand hat.

Youtube bildet. Wenn ich nur an meine Laptop-Reparaturen denke… Den Tutorials sei Dank! Auf ein Tutorial nicht elektrotechnischer, sondern emotionaltechnischer Art haben uns Freunde aufmerksam gemacht – und diesem Video sei Dank: Es reicht nur eine Erwähnung und ich lächle. Dabei habe ich die dort erwähnten Techniken noch gar nicht versucht, die pure Erinnerung lässt mich wohler fühlen. „Soll ich dich abräuchern?“ Ich sage „Klang-Diaphragma!“ – und wir lächeln beide.

Veröffentlicht unter Boschers Streiflichter | Verschlagwortet mit , , , | 2 Kommentare

Alter Wein in neuen Schläuchen? Was interessiert uns heute an einer uralten Denkmethode?

Bornscheuer Gemaelde_SonnenblumenMehr Material von meiner „wissenschaftlichen Baustelle“…

Topik. Warum Topik? Was interessiert uns heute an einer Denkmethode, die weit über 2000 Jahre auf dem Buckel hat? Schnee von gestern? Ist, was heute zu diesem Thema geschrieben wird, nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Schließlich gibt es nichts Neues unter der Sonne. Also warum Topik?

Vielleicht weil uns hier ein sehr nützliches Werkzeug an die Hand gegeben wurde, um herrschende Meinungen, sowohl in der alltäglichen wie auch in der wissenschaftlichen Kommunikation, zu untersuchen. Ein Werkzeug, das in einem gut sortierten Analysewerkzeugkoffer neben Kuhns Paradigmen, Bourdieus Habitus und Foucaults Epistemen nicht fehlen sollte.

Foucault dachte darüber nach, wie das-was-ist nicht länger das-was-ist zu sein braucht. Vielleicht gibt es ja doch etwas Neues unter der Sonne? Und Topik hilft dem Denken, die Stelle zu finden, an der dieses Neue entstehen kann.

Eine „Stelle“, die mich immer fasziniert hat, war Lothar Bornscheuers Buch zur Topik – eben weil das Denken, das sich in diesem Buch zeigte, mir half, meine Leseerfahrungen mit Foucault und den anderen oben genannten Autoren „zu verbinden“.

Es ist ein Denken, welches Vorurteils-Struktur und Freiheit nicht als Gegensatz vorstellt:

Veröffentlicht unter Boschers Streiflichter | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mehr als Klischees… meine wissenschaftliche Baustelle: Topik. Eine Rezension

Lothar_Bornscheuer_Topik
Es gibt Menschen, über welche man auch im Zeitalter von Google und weltweiter Vernetzung nur wenig erfährt. Was von ihnen als Person bleibt, bleibt im Privaten. Wertvolle Erinnerungen, nur den Vertrauten anvertraut. Was von ihrem Denken bleibt, ist manchmal ein Werk.

Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt/Main 1976 (Suhrkamp) von Lothar Bornscheuer

Lothar Bornscheuer war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Hochschullehrer und Buchautor. Topik war eines seiner Hauptthemen, sein Buch von 1976 ist sein umfassendster und spannendster Beitrag zur Thematik „Topik“.

Was ist Topik?
Topik beschäftigt sich mit Topoi. Laut Wikipedia versteht man unter „einem Topos (Plural Topoi; altgr. τόπος topos „Ort“, „Gemeinplatz“; lat. locus communis) … einen Ort im übertragenen Sinn, aber auch eine Formkategorie. Im modernen Verständnis bedeutet Topos Gemeinplatz, stereotype Redewendung, vorgeprägtes Bild, Beispiel oder Motiv (z. B. navigatio vitae, das „Lebensschiff“)“.

Topik als die Lehre von den Topoi beschäftigt sich demnach mit dem Auftreten dieser Gemeinplätze, Motive, kurz Klischees, vor allem in Literatur und Kunst. Das ist richtig, aber auch falsch. Denn Topik, so wie sie Bornscheuer analysiert, geht es nicht allein um Klischees, sondern vielmehr um die Vorurteils-Struktur menschlicher Wahrnehmung und Produktivität (als Mensch, Künstler, Wissenschaftler). Topik ist diese Vorurteils-Struktur – und gleichzeitig ihre Kritik.

Veröffentlicht unter Boscher bespricht | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Hägar oder die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz, Dik Browne – Rezension

Hägar
Kennt Ihr das Gefühl nach einem Universitätsseminar am Kaffeeautomaten zu sitzen und um einen herum schwirrend nur ach so kluge Fremdwörter durch die Luft, eine Art Schaulaufen der Eloquenz, mit dem Geruch des Halbverdauten. Und was kann es in solch einer Situation, wenn einem eh schon der Kopf schwirrt von all dem, was man im Seminar gehört hat, Besseres geben als ein wirklich treffendes Wort, welches den Diskurs-Nebel durchschneidet und einen Moment des Innehaltens, des Schweigens auslöst. Einen Moment, der dann alle lachen lässt, durchatmen, so dass man sich normal unterhalten kann.

Ein solch treffendes Wort ist „Twäng“, zu bewundern auf dem Titel des vorliegenden Hägar-Bandes, ein Wort und die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz ist auf den Punkt gebracht. Hägar – Der Schreckliche ist Philosophie. Lebensphilosophie. Existentialismus. Geschlechterdiskurs… Die Geschichten rund um den gierigen, durstigen, gehörnten Unternehmer, der dick im Raub- und Plündergeschäft ist, sind vieles, aber nie langweilig.

Hägar, vor allem die alten Bände von Dik Browne, sind enorm lustige Unterhaltung mit (na nicht immer) Tiefgang. Ideale Lektüre (auch wegen der Kürze der einzeln Episoden) an stillen Orten. Eine humorvolle Lehrstunde für jeden, der meint, man könne Kluges nur umständlich, mit Fremdwörtern verquast und flankiert von einer gehörigen Menge Namedropping von sich geben – nicht nur an der Uni. Oder um es kurz zu sagen, nachdem ich meine alten Bände wieder zur Hand genommen habe: Hägar lesen macht einfach sehr viel Spaß.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (No Ratings Yet)
Loading ... Loading ...
Veröffentlicht unter Boscher bespricht | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar