Take The Long Way Home – oder: Kummer kam zu mir hinter die Theke geschlendert. Kurzgeschichte

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Ungekürzte Kurzgeschichte von Ralf Boscher.

Take_Long_Way
Take The Long Way Home

Ich hatte kaum etwas zu tun, nicht einmal ein Bruchteil aller Tische war besetzt. Vereinzelte Gestalten hielten sich an ihrem Getränk fest, grimmig entschlossen, es bei diesem einen Getränk zu belassen. Die schwarzen Zeiger der Uhr schlichen über das Zifferblatt als wäre es aus Leim. Und Hand in Hand mit der Ereignislosigkeit kam der Kummer zu mir hinter die Theke geschlendert: Hey, wie war das noch mal?, meinte er hinterlistig grinsend, Weswegen genau hat sie dich verlassen?

Aber ich hatte ein Mittel gegen derlei Anwandlungen. Ich legte die Achtziger Jahre Mix-Kassette ein, die wirklich noch aus den Achtzigern stammte. Los ging es mit Our House von Madness. Ich zapfte mir ein Pils und setzte mich zu meinem Chef, der wie jeden Abend am erhöhten Tisch gleich neben der Tür auf seinem Hocker saß. Mit den Worten „Zäh heute“ öffnete ich seinen unermesslichen Fundus an wehmütigen Erinnerungen. Lauschte bei Bier und Zigarette seinen Geschichten von vergangenen, besseren Zeiten, als der Laden immer brechend voll, der Tabak billiger und die Frauen williger gewesen waren. Ja, ja, früher…, meinte mein Chef. Die Talking Heads sangen: We`re on the road to nowhere. Das half immer, meinen eigenen Kummer auf Abstand zu halten. Ich zapfte meinem Chef und mir noch ein Pils.

Es dauerte nicht lange, und die ersten Stammgäste kamen und setzten sich zu meinem Chef. „Anscheinend träg heute“, meinten sie und legten ihre Tabakpäckchen auf den Tisch, drehten sich in ritueller Andacht ihre Zigaretten. Wenn ich da an früher um diese Zeit denke…, meinte einer von ihnen. Wissendes Nicken. Ich ging uns allen Pils zapfen, während aus den Lautsprechern Wild Boys von Duran Duran schallte.
Es waren im Großen und Ganzen immer die gleichen Leute, die sich dort zusammenfanden und im Großen und Ganzen Abend für Abend die gleichen Gespräche zu führen. Und das war gut so. Lächelnd brachte ich ihnen ihr Bier. Denn gerade aus diesem stetigen Immergleichen heraus entstand eine Verbundenheit, die der großen Worte nicht mehr bedurfte. Die Langeweile erhielt an diesem Tisch einen tieferen Wert. Sie wurde in die Kommunikation einbezogen als wesentlicher Bestandteil menschlichen Daseins. Ich setzte mich dazu. Where ever I lay my hat…, sang nun Paul Young. Stammtisch, dachte ich. Ein sehr prosaischer Name für jenen Ort, der seine geschichtliche Entsprechung in den Feuerstellen der ersten Menschen hat, welche damals, als sie sich um den Schein des Feuers rotteten, das die wilden Tiere und die Kälte auf Abstand hielt, das Wort Heimat erfanden. Ich trank mein Pils aus. Noch jemand ein Bier?, fragte ich. Stummes Nicken. There‘s my home, sang Paul Young, und ich ging lächelnd hinter die Theke und ließ Pils und Gedanken fließen.

Heimat, das ist der feuchte, warme Schoß, in den sich der in die Einsamkeit geworfene Mensch zurücksehnt. Gibt es auch keine Rückkehr zur Urmutter mehr, so ist die Geborgenheit der Urhorde für uns doch noch erlebbar. Im Scheine der rauchbaren, aromatisch duftenden Pflanzen hockt man zusammen, ein wohliger Dunst begrenzt die Szene. Tief schaut der Mensch auf den Grund seines Glases, auf dessen Boden sich die Einsamkeit auflöst. Denn einmal auf diesen Grund gekommen, erkennt ein Mensch den anderen als Bruder und Schwester. Die starren, individuellen Züge hören auf zu existieren. Das vereinzelte Individuum löst sich im Rausche auf, der eine wird dem anderen gleich. Gleich fällt man sich in die Arme und wirft die beengenden Grenzen seiner Persönlichkeit mit einem befreienden Lachen über Bord. Individuelle Ängste existieren für Momente nur noch als blasse Erinnerung. Im Dunst der Urhorde gibt es keine Verletzungen mehr, die man befürchten müsste. Die Raubtiere bleiben außerhalb des Feuerscheins. Alle sind sich gleich, alles ist gleich, die Eitelkeit, mit der man sich von allen anderen abgrenzte, nur um sich selbst zu schützen, ist Ballast geworden. Es scheint, als müsste, wenn sich Menschen auf dem Grunde des Glases treffen, niemand mehr anders erscheinen, als er in Wahrheit ist…

…ein grinsender, rauchender Toter, der den wenigen großen Momente seines letzten Lebens nachtrauert…

Plötzlich hatten sich ihre Worte, ihre Stimme in meine Gedanken geschlichen. Der Kummer war auch wieder da, legte mir einen Arm um die Schulter und meinte: Ach, deswegen hat sie dich also verlassen. Ja ja, sagte er noch und begann, die Musik mit zu summen: Don‘t go von Yazoo. Schnell legte ich eine neue Kassette ein. Siebziger Jahre Musik. Ein Klavier erklang, dann eine Mundharmonika, und ich ging mit den Pils zum Stammtisch. Von welcher Platte war das noch mal?, meinte einer, Crisis? What crisis? Ich trank einen großen Schluck. Nein, sagte ein anderer, Breakfast in America. Ein Dritter zog an seiner Zigarette und überlegte laut: Wann war das nochmal? Neuzehnneunundsiebzig? Neunzehn-neunundsiebzig, flüsterte mein Chef, das waren noch Zeiten. Er stieß mit mir an. Kummer zuckte mit den Schultern und verließ die Kneipe. Vielleicht würde er draußen auf mich warten. Aber das war mir in diesem Moment egal. Die Sperrstunde war noch weit entfernt. Wir tranken. Wir lächelten. Wir lauschten Supertramp, wie sie Take The Long Way Home sangen, und waren doch schon längst zu Hause angekommen.

Ende

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