Töte den Drachen! Teil 2. Fortsetzung-Kurzgeschichte in drei Teilen – eine Lovestory der dramatischen Art

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Drache5

Fortsetzung der Kurzgeschichte
Töte den Drachen!
von Ralf Boscher

(hier geht es zum ersten Teil)

 

5.

Ich habe die Kraft meiner Drachen tötenden Männlichkeit überschätzt oder die Kraft des Problems unterschätzt. Fortan sahen wir uns beinahe jeden Tag, was hieß, ich besuchte sie in ihrer Wohnung, wir sahen fern oder spielten Kniffel oder Ähnliches – und mit jedem Tag wurde es schwerer, mein einmal gegebenes Wort zu halten. Wenn es wenigstens einen Fortschritt gegeben hätte, wenn Eva nur so zum Beispiel weniger fest zugebissen oder manchmal nicht so hart zugeschlagen hätte. Aber wir drehten uns beständig im Kreis. Jedes Mal, wenn ich zu ihr kam (wir trafen uns nur bei ihr und nur dann, wenn wir uns zuvor verabredet hatten. Gemeinsames Ausgehen, spontane Besuche waren für Eva Ausdruck einer Nähe, die sie – noch nicht – ertrug) war es so, als wenn wir von vorne beginnen mussten. Okay, es heißt, der Weg sei das Ziel. Aber kann man mir verübeln, dass sich derlei Weisheit bei mir nicht einstellen wollte? Wenn sie mir wenigstens erlaubt hätte, sie zu küssen,

Die Küsse an unserem ersten Abend sollten die einzigen bleiben. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, auf eine sanfte, rücksichtsvolle Weise natürlich, zu der mich Eva ja ausdrücklich weiterhin ermunterte. Nicht, dass ich nicht noch mehr von ihr gewollt hätte als einen Kuss. Zumal Eva nicht mit ihren Reizen zurückhielt. Jedes Mal, wenn ich zu ihr kam, empfing sie mich in einem Kleid, einer Bluse über einem Rock, oder einem knappen Shirt zu einer engen Jeans, jedenfalls in einem Outfit, das ihre ausgesprochen weiblichen Formen betonte. Wenn ich einmal nicht zu ihr kommen konnte, wenn ihr danach war, mich zu sehen, schickte sie mir höchst anregende Bilder von sich aufs Handy. Sie wolle mir ja schließlich gefallen, sagte sie, und dies sei doch normal, wenn Liebe im Spiel sei, und ich würde sie doch lieben oder etwa nicht? Schließlich wolle sie mich ja auch nicht verlieren, ich sei doch ihr Spinnendoktor, ihre letzte Hoffnung, und eigentlich wolle sie nichts lieber, als gerade mir alles geben, alles, was immer ich mir auch wünsche, und eines Tages da würde sie…, ja, dann würde sie…

Jedes Mal, wenn Eva so sprach und sich vor mir drehte, damit ich ihre Figur bewundern konnte, schien mir mein Glück zum Greifen nah. Doch ich musste nur zärtlich nach ihrer Hand greifen, um gewahr zu werden, dass für mich diese begehrenswerte Schönheit immer noch unerreichbar war. Und schöpfte ich die ersten Monate aus diesen Momenten auch die Kraft, meine Zweifel zu besänftigen und zärtlich und verständnisvoll bei Eva zu bleiben, bei ihr zu bleiben, komme was da wolle, auch wenn nichts geschah, was einem Fortschritt gleichgekommen wäre, so kam der Tag, an dem ich nicht mehr ertrug.

6.

Wahrheit hat mit dem Gesichtssinn zu tun. Es ist nicht nur eine Redensart, wenn es bei der Frage Was soll denn das bedeuten? heißt: Das wirst du schon sehen! Denn was der von Eva an unserem ersten Abend gebrauchte Ausdruck auf die übliche Art bedeutete, sollte ich mit eigenen Augen sehen – und endlich die Wahrheit erkennen.

Mittlerweile war es Winter geworden, es war Karnevalszeit, und somit die Zeit, in der es überproportional leicht war, sich dem begehrten Geschlecht zu nähern und zumindest den einen oder anderen Kuss zu erhaschen. So hatte ich es in den Jahren zuvor wenigstens beobachtet, hielt ich mich doch in der Vergangenheit immer vom Trubel fern, war ich doch nicht so leichtfüßig in Liebesdingen unterwegs wie viele andere. Dieses Jahr sollte aber, wie ich mir vorgenommen hatte, ganz anders werden: ich würde nicht ungeküsst bleiben, denn nun hatte ich eine Freundin. Auch wenn unser Zusammensein nicht so ganz meinen Vorstellungen entsprach.

Aber Karneval schien mir ein guter Zeitpunkt zu sein, um Dämonen auszutreiben, Drachen zu töten. Zwar hatte mich Eva beim letzten Treffen eine Woche vor den tollen Tagen genau deswegen aus ihrer Wohnung geworfen, weil ich sie vorsichtig fragte, ob es nicht möglich sei, gemeinsam mit mir an Karneval um die Häuser zu ziehen, und ich ihr andeutete, wie schön es doch wäre, sich inmitten eines Konfettiregens in den Armen zu liegen und zu küssen. Dennoch ließ ich mich nicht von dem Gedanken abbringen, sie an Karneval zu küssen. Schließlich war dies nicht das erste Mal gewesen war, dass sie mich vor die Tür setzte – zudem war dies noch eine ihrer harmloseren Reaktion. Und da ich mit den ganz kleinen, sanften Schritten offensichtlich nicht weiterkam, und da ich doch Evas Zustimmung hatte, sie – egal, was sie auch tue – nicht loszulassen, hatte ich beschlossen, sozusagen die Phase der Spinnenfotos zu beenden und nun gleich die Spinne auf den Tisch zu packen. Das ganze Dorf sollte uns lachend Arm in Arm sehen, es sollte die Runde machen, dass ein neues Paar unter ihnen weilte.
Und so sprach ich Eva, als ich sie einen Tag vor Altweiber endlich doch am Telefon erreichte, noch einmal auf meinen Wunsch an, ohne allerdings meine Absichten durchscheinen zu lassen. Ich wolle einfach in ihrer Nähe sein, sagte ich, muss ja gar nicht ganz nah sein, einfach im gleichen Lokal feiern, im gleichen Raum sein, sich mal zulächeln. Mit dieser Zurückhaltung erreichte ich wenigstens, dass Eva mir erklärte, warum sie mich vor die Tür gesetzt hatte und warum aus meinem Wunsch wahrscheinlich nichts werden würde.

„Weißt Du“, sagte sie, „Karneval ist ein heikles Thema. All die Jahr bin ich alleine losgezogen, und als du sagtest, du wolltest an Karneval mit mir zusammen um die Häuser ziehen, da habe ich Panik gekriegt. So richtig den Hals zugeschnürt hat es mir. Du weißt, ich wünsche nichts mehr, als deine Nähe genießen können“, so sagte sie, „aber in dem Moment wurde mir es doch etwas zu viel. Besser, ich ziehe erst einmal wie gewohnt alleine los. Anlauf nehmen, weißt du. Vielleicht klappt es ja dann am Sonntag beim Umzug mit uns beiden, etwas in mir würde furchtbar gern, aber besser, wir machen das kurzfristig klar. Damit ich nicht schon wieder Panik bekomme. Kannst du das verstehen?“, fragte sie noch, und ich sah sie vor mir, wie sie auf ihrem Sofa saß, das Telefon in der Hand, und mit diesem schmerzlich-fragenden Blick zu mir sprach, und natürlich konnte ich es verstehen.

Aber dennoch hatte sich in mir der Gedanke, die Hoffnung festgesetzt, dass ich entgegen ihren Befürchtungen mehr bei ihr erreichen würde, wenn ich mit den vorsichtigen, kleinen Schritten Schluss mache. So gute Frau, das mit den Bildern war ja schon ganz nett, aber schauen sie mal, was ich hier für sie habe…! Zwar ließ ich sie im Glauben, dass ich auf jeden Fall an Altweiber zu Hause bleiben und es bei ihr erst am Sonntagmorgen vor dem Umzug telefonisch versuche würde, aber gleichwohl hatte ich das Bedürfnis, schon am Donnerstag loszuziehen. Sie suchen wollte ich, was ja aufgrund der eingeschränkten Feiermöglichkeiten bei uns im Dorf kein aussichtsloses Unterfangen war (und ich wusste, dass sie in einer der Kneipen im Dorf feiern würde). Finden wollte ich sie, meine Maske herunterreißen, sie in den Arm nehmen und küssen und gemeinsam lachen und tanzen und…

Am Altweibermorgen plünderte ich den verstaubten Fundus meiner Mutter und verkleidete mich als Alte. Ich trug Socken in einem alten BH meiner Mutter unter einem langen, schwarzen Kleid und über der hässlichen Maske eine Haube, welche meine kurzen Haare verdeckte. Schwarze Handschuhe und die größten schwarzen Schuhe meiner Mutter, die ich hatte finden können und in die ich mich tatsächlich hineinzwängte (gesegnet sei Mutters eher unweibliche Schuhgröße von 41), vervollständigten meine Maskerade. So riskant diese Verkleidung einerseits auch war, weil Männer, die in Altweibermaskerade ertappt werden, bei den weiblichen Alten nicht wohl gelitten sind, hatte die Verkleidung anderseits den Vorzug, dass ich nach Eva Ausschau halten konnte, ohne selbst von ihr gesehen zu werden. Dann zog ich, nachdem ich aus der Küche einen Strohhalm und aus dem Keller eine Flasche Genever stibitzt hatte, los und stürzte mich ins Getümmel.

Etliche mir an den Hintern fassende Männerhände und einige misstrauische Frauenblicke später, ich hatte durch den Strohhalm die letzten Tropfen Genever aus der Flasche gesaugt, entschloss ich mich frustriert, meine ergebnislose Suche nach Eva aufzugeben.

Ich wühlte mich gerade durch das Gedränge in einer Gaststätte, die ich nach Eva durchsucht hatte, um hinaus auf die Straße zu gelangen und nach Hause zu gehen, als ich ein lautes, äußerst vulgär klingendes an- und abschwellendes Frauenlachen hörte. Es erinnerte mich nicht an Eva, aber es stach in seiner Lautstärke und in seinem Ton aus dem üblichen karnevalesken Tohuwabohu so sehr heraus, dass ich mich unwillkürlich nach dessen Quelle umblickte.

Zunächst war die Lachende meinem Blick durch ein paar herumstehende Gestalten entzogen. Ich aber ging näher heran, ging in eine im Dunklen liegende Ecke der Gaststätte hinein, die ich bei meiner Suche zuvor übersehen hatte, und dann sah ich eine Gruppe von drei Gestalten, die auf zwei sich eng gegenüberstehenden Stühlen angeordnet war. Auf den Stühlen saßen zwei Teufel mit rot geschminkten Gesichtern, schwarz umrandeten Augen und roten Hörnern, die aus ihren schwarzen Schlangenhaaren herausstaken. Auf dem Schoß des einen Teufels saß die lachende Alte. Dichter Qualm von dicken Zigarren, die beide Teufel zwischen ihren Zähnen festhielten, hüllte die Dreiergruppe ein. Die Alte lachte schrill auf, als der eine Teufel ihr unter den nicht zum traditionellen Äußeren einer Alten gehörigen kurzen Rock griff. Dann begann sie ihren Unterleib rhythmisch zu bewegen. Eine Szene wie aus einem grotesken, schwülen Fiebertraum. Unwillkürlich stöhnte ich auf. Der Alkohol und meine durch Evas Enthaltsamkeit aufgestachelte Lust zeigten Wirkung. Für einige kurze Augenblicke hatte ich Eva vergessen, starrte vielmehr wie gebannt auf das dionysische Treiben vor mir. Das Lachen der Alten wurde stoßweise lauter. Dann packte sie der andere Teufel an den Schultern und zog sie zu sich. In diesem Moment sah ich, dass ihr Körper auf unnatürliche Weise verdreht war. Die Lust, die ich empfunden hatte, stockte in in meinen Adern. Ihr hässliches Maskengesicht hatte die Alte gen Decke gewandt, ihren Körper so weit gebogen, dass ich sah, wie ihr Hinterkopf beinahe den Schoß des Teufels berührte, der sie an den Schultern gepackt hatte. Somit hätten ihre Fußspitzen in Richtung des anderen Teufels zeigen müssen. Dies taten sie aber nicht. Die Spitzen ihrer Füße zeigten in Richtung des Teufels, an den sie sich mit ihrem Rücken lehnte. Der Kopf der Alten schien um 180 Grad verdreht zu sein.

Dann verstummte ihr Lachen. Es heißt, Karneval sei verkehrte Welt, aber dennoch wurde mir bei dem Anblick schlecht und erst die Vorstellung, diese Alte würde sich aufrichten und ihren Kopf um 180 Grad zurückdrehen, vielleicht um mich anzusehen… Mein Magen revoltierte und der Genever stieg in meiner Speiseröhre auf, als der Teufel, dessen Schoß immer noch von der Alten rhythmisch bearbeitet wurde, eine Flasche über ihr Maskengesicht hielt und Bier über die warzigen Wangen ihres hässlichen Altengesichts goss. Ich konnte den Genever zunächst noch hinunterschlucken. Doch dann richtete sich diese Alte wirklich auf.

Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was ich sah. Ich sah ein Frauengesicht, ein laut lachendes Frauengesicht mit feuchten Lippen. Ich erkannte, dass diese Frau die Maske auf ihrem Hinterkopf trug und es nur die Maske gewesen war, die gen Himmel schaute. Erkannte nun, dass sie zuvor ihr wahres Gesicht in des einen Teufels Schoß vergraben hatte, während ihr eigener Schoß rücklings dem anderen Teufel zugewandt gewesen war. Ich sah, wie jener Teufel, in dessen Schoß diese Frau ihr Lachen hatte verstummen lassen, unter ihre altmodische, schwarze Bluse mit gerüschtem Kragen griff, so dass diese soweit hoch rutschte, dass ich – und jeder, der sich für diesen Anblick interessierte – genau sehen konnte, wie er mit seinen langen Fingern, an denen seine ekligen gelben, spitzen Fingernägel auffielen, eine ihrer jugendlich prallen Brüste drückte. Sah wie diese Frau nun ihr wahres, ihr hübsches Menschengesicht gen Himmel wandte, sich die nasse Maske vom Haupt zog und lachend die bierfeuchten Haare schüttelte. Ich sah – ja, in diesem Moment sah ich, erkannte ich, dass diese Alte Eva war, und ich erkannte, was ihre Rede von auf die übliche Art zu bedeuten hatte.

Ich schaffte es gerade noch bis auf die Toilette, riss mir die Maske herunter und spuckte meinen Mageninhalt und meinen Kummer ins Waschbecken.

Ende des zweiten Teils der Kurzgeschichte “Töte den Drachen!” von Ralf Boscher

Die Fortsetzung folgt in Kürze.

Den ersten Teil der Geschichte findet Ihr hier…

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