Töte den Drachen! Teil 3. Fortsetzung-Kurzgeschichte in drei Teilen – eine Lovestory der dramatischen Art

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Drache7

Dritter Teil der Kurzgeschichte
Töte den Drachen!
von Ralf Boscher

(hier geht es zum ersten Teil)

 

7.

Als ich mich endlich aus der Toilette traute, drückte ich dem nächstbesten Jecken mit einer Flasche Fusel einige Euro in die Hand und schloss mich mit dem Hochprozentigen in der vagen Hoffnung wieder auf dem Klo ein, das Gesehene ertränken zu können. Als dies offensichtlich nichts half, beschloss ich, der grausamen Wahrheit männlich ins Antlitz zu blicken. Wobei, vielleicht hatte ich mich ja auch geirrt? Vielleicht war ich so sehr auf Eva fixiert gewesen, dass ich sie sah, wo es sie nicht zu sehen gab? Ja, so hoffte ich, mein Kummer hat mir einen grausamen Streich gespielt. Eva feiert ganz woanders in unschuldiger Runde Karneval, fragt sich dabei sehnsüchtig, traurig, warum sie mich nur nicht dabei haben wollte…

Als ich wieder mit der Maske bedeckt in den Saal zurückkehrte, waren die Veränderung in der Anordnung der Dreiergruppe nur marginal. Eva – und ja, es war nicht zu leugnen, sie war es – hatte lediglich auf den Schoß des anderen Teufels gewechselt. Und da alle Faktoren, die sie zuvor lachen machten, nach wie vor vorhanden waren, lachte sie wohl nur aus dem Grunde nicht, da nun sie eine dicke Zigarre im Mund hatte und dichten Qualm ausblies.

In diesem Augenblick, als ich, dessen Körper immer noch bedeckt war mit den Wunden, die Eva mir zugefügt hatte, mitansehen musste, wie genüsslich Eva die Zigarre zwischen ihren Lippen festhielt und wie diese teuflischen Hände meine Freundin auf eine Weise anfassen durften, wie es mir vorenthalten worden war, vorenthalten, wie alles, was ich hatte mit ansehen müssen, entschloss ich mich, wenn schon nicht diesem Treiben, so doch meiner Beziehung zu Eva ein Ende zu bereiten. Das mit dem Komme, was da wolle!, das mit dem Spinnendoktor hatte sich ein für allemal erledigt. Dieses Exemplar Spinne, welches mir hier von Eva aufgetischt worden war, war doch ein zu großer Brocken.

Ich ging also zu ihr, blieb in dem Moment vor ihr stehen, als sie das Gesicht des einen Teufels an ihre Brust drückte, und machte sie mit einem nicht zu festen Klaps auf ihre Schulter auf mich aufmerksam. Als sie mich aus großen Augen, in denen Ozeane aus Alkohol und Lust schwammen, ansah, riss ich mir die Maske vom Gesicht und sagte: „Das war es dann wohl!“ Dann drehte ich mich um und verließ, ohne mich noch einmal umzusehen, die Gaststätte.

Aber was soll ich Ihnen sagen, kaum dass ich einige wankende Schritte an der frischen Luft getan hatte, kam Eva hinter mir hergelaufen. „Warte!“, rief sie, während sie noch ihre Bluse zuknöpfte „Bitte, warte!“ Aber da ich nicht gewillt war, auf sie zu hören, ging ich weiter. Obwohl mir die Tränen in ihrer sich überschlagenden Stimme nicht entgingen, ging ich weiter in Richtung meines Elternhauses. Schließlich aber holte mich Eva ein und langer Rede, kurzer Sinn, es dauerte nicht lange und da hätte uns das Dorf, wenn auf freiem Feld um diese Zeit noch jemand unterwegs gewesen wäre, Arm in Arm und küssend sehen können.

Nicht dass ich gleich die Segel gestrichen hatte, ich habe Eva schon meinen Schmerz spüren lassen. Jedes Mal, wenn sie mich am Arm fassen wollte, hatte ich ihr zunächst die kalte Schulter gezeigt, hatte mich zudem bemüht, sie nicht anzusehen. Aber zugehört habe ich ihr. Leider. Hatte ich mich auch dazu entschlossen, unsere Beziehung nach dem Vorgefallenen als beendet anzusehen, so hatte ich doch das blödsinnige Gefühl, Eva zumindest dies schuldig zu sein.

„Klar, dass du verletzt bist“, gab Eva mit tränenweicher Stimme zu, „aber das hatte doch nichts mit meinen Gefühlen zu dir zu tun, das hatte doch nichts mit Liebe zu tun, die haben doch nur meinen Körper bekommen, und das ändert doch auch gar nichts an meinen Gefühlen für dich! Ich weiß“, so sagte sie, „dass du mich jetzt hasst, dass ich dies, so gern ich auch alles dafür tun würde, wohl nicht mehr gutmachen kann, aber bitte versteh’ mich!“

So sprach sie, und ich naiver Kerl meinte, ihr widersprechen zu müssen, statt einfach den Mund zu halten und zu gehen: Nein, sagte ich also, ich würde sie nicht hassen, aber verstehen würde ich es auch nicht, denn schließlich wären wir doch zusammen gewesen und ich, ja ich hätte sie nie berühren dürfen, ist doch klar, dass mich das verletzt, wenn andere sie berühren dürften, aber hassen würde ich sie deswegen nicht.
Aber kaum hatte ich dies ausgesprochen, da wurde sie wütend: „Ich habe es doch gewusst, du bist auch nicht anders, als die anderen, du willst auch nur das Eine! Das ist es also, was dich verletzt, gekränkte Eitelkeit, meine Gefühle interessieren dich gar nicht! Dich interessiert ja gar nicht, was ich empfinde, wie groß mein Gefühl für dich und wie klein es für diese Typen ist, dich interessiert nur mein Körper. Das ist es also! Nun gut, das kannst du haben!“, rief sie trotzig, stellte sich mir in den Weg, hob mit einer Hand ihren Rock, unter dem sie nichts trug, und bevor ich überhaupt in meiner Überraschung reagieren konnte, nahm sie schon meine Hand und zog sie zwischen ihre Schenkel. „Jetzt mach’ schon!“, rief sie ungeduldig, „mach’s wie alle anderen, steck’ mir schon ‘nen Finger rein!“

Aber das war nicht das, was ich wollte – jedenfalls nicht so und nicht an diesem Abend. Zudem: Hatte ich nicht gerade erst beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen? Außerdem fand ich es unangenehm feucht zwischen ihren Beinen. Ich versuchte mich also von ihr loszureißen. „Schlappschwanz!“, nannte sie mich da in ihrer Wut, „Willst es wie alle, aber bringst es nicht!“ Doch plötzlich brach sie in ein nicht enden wollendes Schluchzen aus: „Das war es also, was mich mein Misstrauen nicht überwinden ließ“, brachte sie unter Tränen heraus, „Ich habe mich einfach in dir geirrt! Du willst mich ja gar nicht als Mensch!“ Und da konnte ich mich nicht mehr beherrschen, das ging mir so nah, dass der Held in mir impulsiv seine helfende Hand ausstreckte, um sie tröstend in den Arm zu nehmen. Sie schlug mich zwar nicht wie üblich, aber dennoch wehrte sie meine Umarmung ab. „Ich brauch’ dein Mitleid nicht!“, sagte sie sehr leise, und dann sagte sie noch: „Wenn es einfach nur das war, was du haben wolltest, dann hätten wir uns die ganze Sachen sparen können. Du hättest mir gleich am Anfang einfach gesagt, dass du deinen Schwanz in mich hineinstecken und abspritzen willst, und gut wär’ gewesen!“

Das aber wollte ich dann doch nicht auf mir sitzen lassen, so wie sie mich darstellte, war ich einfach nicht: „Nein, das stimmt nicht!“, legte ich also Widerspruch ein, „Ich will – Nein, ich will nicht einfach Sex,. Ich will dich, als Mensch, dich lieben und – klar, aber – aber klar, also klar, ich war verletzt, als ich da, also als du da… Ich dachte doch wir beide… Dass du mich auch…” Da unterbrach Eva meine improvisierte Verteidigungsrede, mit einem Mal ganz traurig wirkend, wie sie mich nun mit schon weicherem Blick ansah und sich wieder bedeckte, den Rock glatt und eine Träne aus ihren Augen strich, und sagte: „Dass ich dich auch liebe? Dachtest du dies? Und jetzt – “, plötzlich verstummte sie und sah zu Boden, als würde sie dort die Worte finden, nach denen sie augenscheinlich suchte, und dann sprach sie mit gesenktem Kopf weiter: „Und jetzt glaubst du nicht mehr, dass ich dich liebe?“ Und schließlich sah sie mich wieder an: „Und jetzt liebst du mich auch nicht mehr?“

Aber bevor ich ihr überhaupt antworten konnte, da drehte sie sich plötzlich auf dem Absatz um und rannte in die Dunkelheit davon. Anstatt alles Vorgefallene zu bedenken und in genau die andere Richtung zu laufen, folgte ich ihr, und schließlich holte ich sie an den Bahngleisen ein, wo sie stehengeblieben war und Steine auf die Schienen warf.

Ich stellte mich ohne ein Wort zu sagen neben sie und warf ebenfalls mit Steinen. Nach einer Weile des Schweigens begann sie wieder zu reden: „Es tut mir so leid, dass war alles nicht meine Absicht, ich wollte dich nicht verletzen, ich wollte das alles nicht. Ach, hätte ich doch nicht soviel getrunken“, meinte sie mit niedergeschlagen klingender Stimme, „Aber ich dachte, ich hoffte wirklich, dass ich mich dann trauen würde, zu dir zu kommen und dich abzuholen und mit dir um die Häuser zu ziehen. Ich dachte, trink’ dir besser Mut an. Aber du hast mir doch einen größeren Schrecken eingejagt mit deinem Wunsch in aller Öffentlichkeit mit mir zusammen zu sein, als ich gedacht hatte, denn plötzlich hatte ich vor lauter Mutantrinken den Faden verloren, und dann waren da plötzlich diese Typen, und ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und dabei dachte ich doch die ganze Zeit an dich, und ich dachte daran, was wir beide alles miteinander erleben könnten, wenn ich mich nur trauen würde, über meinen Schatten zu springen. Endlich diese Nähe zuzulassen, nicht mehr diese verdammte Angst vor der Nähe zu haben, und ich war so durcheinander. Wie ich an dich dachte und an deine Nähe, deine Zärtlichkeit, deine Geduld, daran, wie nett du immer zu mir warst, so rücksichtsvoll, da hätte ich heulen können vor Wut auf mich selbst und Traurigkeit über meine Unfähigkeit, und dass mir diese Typen immer mehr zu trinken gaben, kam da nur recht. Aber ich war nicht nur wütend und traurig, nein, da ich an dich dachte, war ich auch erregt, klar war ich auch erregt, schließlich waren wir schon so lange so nah beieinander, und jedes Mal wollte ich dir noch näher sein. Von dir geküsst werden wollte ich, deine Hände auf meiner Haut spüren, dich ganz nah an mir, in mir spüren. Ich hatte eine solche Lust auf dich. Mit dir wollte ich es nicht einfach nur auf die übliche Weise haben, nicht einfach nur Sex haben wollte ich, sondern Liebe machen. Aber immer kam ich uns dabei in die Quere, ich Idiotin, aber klar, dass sich da so einiges aufstaut, du kennst das ja sicher, und dann der ganze Alkohol. Es tut mir leid, du willst das bestimmt alles nicht mehr wissen, ich jammere hier nur herum, aber…“, sie holte tief Luft, „Aber es tut so weh, zu wissen, dass ich dich verloren habe. Und alles nur wegen blödsinnigem, belanglosem Sex!”

Sie verstummte wieder, aber bevor ich ihr sagen konnte, das hätte sie sich besser alles vorher überlegen sollen, bevor sie es sich von diesen Typen besorgen ließ, da warf sie einen letzten Stein auf die Schienen, wandte sich zu mir um und dann, ja dann sah sie mich wieder mit diesem schmerzlich-großen Blick an und fragte: „Hab’ ich dich verloren oder kann ich noch irgendetwas tun?“

Und plötzlich war da wieder diese Stimme in meinem Kopf: Siehst du nicht, wie verzweifelt sie ist, der Alkohol, und schließlich war sie nicht ganz bei sich, und sie will doch eigentlich nur dich, hörst du nicht, sie bereut doch alles, einmal ist keinmal, also sei kein Unmensch, wer ohne Fehl sei, werfe den ersten Stein, außerdem was ist denn das für eine Liebe, die schon bei den ersten Schwierigkeiten die Flinte ins Korn wirft!

Und so streckte ich meine Hand nach ihr aus, streichelte ihr sanft über die Wange, während wir beide plötzlich in helles Licht getaucht waren. Eva zuckte zusammen. Wie ich mir in all den Jahren eingeredet habe, nicht weil ich sie sanft berührte, sondern weil sie der jähe helle Lichtschein und die Alarmhupe der Lokomotive erschreckte. Sie zuckte zusammen und trat erschrocken zur Seite, stolperte, so betrunken wie sie war, über einen Stein am Bahndamm, versuchte mit einem weiteren Schritt ihr Gleichgewicht zu halten, stürzte.

8.

Bis heute weiß ich nicht, was Evas abwehrende und aggressive Reaktionen auf liebevolle Nähe ausgelöst hat.
„Mein zärtlicher Held!“ An diese ihre Worte erinnert sie sich wohl nicht mehr. „Hab’ ich dich verloren oder kann ich noch irgendetwas tun?“, Worte, die für sie keine Bedeutung mehr haben. Eva ist immer noch eine ausgesprochen gutaussehende, begehrenswerte Frau. Jedenfalls manchmal, wenn sie versunken in Gedanken in ihrem Rollstuhl sitzt, versunken in Gedanken, die sie nicht mehr äußern kann. Ja, dann erstrahlt sie plötzlich in all der Anziehungskraft, die mich damals eingenommen hatte.

Noch heute schlägt sie mich, wenn ich ihr zum Beispiel sanft über den Kopf streichle, nachdem ich sie ins Bett gehoben, sie gewaschen und ihr den Rücken eingecremt habe, damit sie nicht wund liegt.

Ich konnte Eva nicht verlassen. Schon gar nicht, nachdem der Zug sie erfasst und sie mit all der geballten Wucht von vielen Tonnen weit in das am Bahndamm gelegene Feld geschleudert hatte. Seit 10 Jahren sind wir nun ein Paar. Wir sehen uns jeden Tag. Die Zeiten, da sie mir höchst anregende Bilder von sich aufs Handy schickte, sind vorbei. Heute sehe ich sie, wenn ich sie pflege, nackter als sie es mir damals, bevor der Zug unsere Bahn gekreuzt hat, zugestanden hatte. Komme, was das wolle! So hatte ich es mir einmal in meinem jugendlichen Leichtsinn gesagt. Ich hatte nicht geahnt, was diese Worte bedeuten würden – und wie sehr ich mich ihnen verpflichtet fühlen würde. Töte den Drachen! Ach wäre ich doch vor dieser Aufgabe weggelaufen, als ich es noch vermochte. Hätte ich doch nur nie den kleinen Hund im Straßengraben entdeckt.

 

Ende

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