Zweite Leseprobe: Midlife Crisis Vampir Roman – aus Ralf Boschers Werkstatt.

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Zweite Leseprobe aus dem Romanprojekt von Ralf Boscher „Midlife Crises Vampirroman“, aus dem Kapitel Von Vampiren und der großen Liebe:

Ralf Boscher - zweite Leseprobe neuer Roman
Geliebt habe ich sie, vom ersten Augenblick an! Meine eigene Oma war ja eher ein ausgewachsener Drachen. So der Typ Frau, der eine Wohnung betritt und noch vor dem ersten Hallo mit dem Finger über die obere Kante des erstbesten Bilderrahmens an der Wand streicht, um nach Staub zu fahnden. Und egal wie sehr meine Mutter vor jedem Besuch meiner Oma die Wohnung putzte, wienerte, entstaubte, meine Oma, ihre Schwiegermutter, fand immer, was sie insgeheim hoffte: Ein Zeichen der Unzulänglichkeit ihrer Schwiegertochter, ein Zeichen dafür, dass ihr alles geliebter Sohn, sie, seine Mutter, den Schoß, der alles ist, nie hätte verlassen dürfte. So wenig es mir damals auch gefiel, in ein Dorf zu ziehen – die Verwandlung meines Vaters, sein Aufblühen, jetzt da seine Mutter etliche Kilometer weit entfernt war, versöhnte mich mit der Entscheidung, an der Niederrhein zu ziehen.

Da meine zweite Oma wie meine Opas so früh gestorben war, dass ich mich nicht an sie erinnern konnte und sie somit auf mein Bild, was eine Oma sei, keinen positiven Einfluss haben konnte, war ich von Peters Wunsch, mir seine Oma vorzustellen, nicht sonderlich angetan.

„Wir kennen uns doch gerade erst eine Woche!“, versuchte ich mich in einem flauen Ausweichmanöver. Flau deswegen, weil – das Blut des Vampirs auf Peters Machete war noch nicht trocken – mir und (wie ich einfach wusste auch) ihm in jenseits aller Vernunft und Erfahrung liegenden Klarheit eines bewusst wurde: Wir sind füreinander bestimmt.

Peter hatte, als er spürte, dass ich nicht schreien würde, die Hand von meinem Mund genommen. Dann kickte er diesen hässlichen Kopf, der sich bereits aufzulösen begann, in die Dunkelheit, und lächelte mich mit einem so ein dermaßen unverschämt selbstbewussten wie auch tastend schüchternen Lächeln an, dass ich ihn einfach küssen musste. Und wie ich da meine Arme um ihn schlang und dabei auf meine Zehenspitzen gehen musste, und ich plötzlich dachte, wie groß er doch ist, und mir, als sich sein einer Arm um mich legte, während seine andere Hand noch die Machete hielt, ein warmer Schauer durch den Körper jagte, weil ich das Spiel seiner Muskeln in Ober- und Unterarm einen warmen Schauer spürte, änderte sich mein Leben. Ich schloss meine Augen und öffnete seine Lippen mit den meinen, und als ich meine Augen nach diesem unseren ersten Kuss wieder öffnete, war er verwandelt. 17 Jahre hin oder her. Aus dem Dorfjungen, den ich morgens am Bahnhof gesehen hatte, war mein Mann geworden – und ich sah es in seinen Augen: Ich war seine Frau. Und seiner Frau wollte er den wichtigsten Menschen in seinem Leben vorstellen.

Wie klein und zierlich sie ist! Dies war mein erster Eindruck, als Peter mich an besagtem Tag in die gute Stube seiner Oma führte. Meine eigene Oma war groß wie mein Vater, nein größer, nimmt man ihre hochtoupierten Haare dazu, und ein gewisses Gewichtsproblem hatte sie auch. „Nein, nein kein Stück Kuchen mehr! Selbst wenn es schmecken würde… meine Linie…!“ Dies war ein oft gehörter Ausspruch des Drachen auf Besuch, wenn Mutter zum Kaffee auftischte, nachdem sie sich Tage am endlich perfekten Schwarzwälder Kirschkuchen versucht hatte (wobei meine Oma, auch wenn es ihr nicht schmeckte, natürlich nur weil nichts verkommen sollte, doch noch ein, zwei Stücke genehmigte). Mein zweiter Eindruck war eine Welle von Zärtlichkeit, die mich durchströmte, als Peters Oma mit weit ausgebreiteten Armen und einem ebenso weiten Lächeln auf mich zukam, mich umarmte und mit den Worten begrüßte: „Herzlich Willkommen in unserer Familie!“

Was würde ich dafür geben, wenn sie ihre Urenkel noch hätte erleben können. Aber leider war ihr dies nicht vergönnt (auch dem Drachen übrigens nicht, dem der Appetit auf Kuchen und andere Leckereien ein solch massives Adipositas-Problem beschert hatte, dass das Herz kapitulierte).
Nach der ersten herzlichen Umarmung war Peters Oma einen Schritt zurückgetreten, hatte meine Hände in die ihren genommen und dann ernst gefragt:
„Hast du ihn gesehen?“

Mir war klar, was sie meinte. Nein, ich hatte den Vampir nicht gesehen. Ich hatte ihn erst gesehen, als Peter ihn verwundet hatte, erst als er dergestalt geschwächt seine Tarnung hatte fallen lassen müssen. Sie nickte wissend.

Diese Kreaturen sehen zu können, ist eine Gabe, die nur wenige Menschen besitzen, erklärte sie mir. Eine Gabe und auf Aufgabe. Und Peter schien – neben seiner Oma – der einzige Mensch im Dorf zu sein, der hinter der menschlichen Fassade ihre wahre Natur sehen konnte.

„Mein Heinz konnte sie auch nicht sehen“, sagte sie dann, „Aber er hat mir bedingungslos vertraut. Obwohl in seinen Augen ein Mensch vor ihm stand, hat er nie gezögert, wenn ich ihm sagte: Töte!“

Wenn mir nicht schon zuvor klar gewesen wäre, dass sich durch Peter mein Leben von Grund ändern würde (es sei denn, ich nähme jetzt sofort meine Beine in die Hand und renne, renne…), dann wäre es mir in diesem Moment bewusst geworden.

Ich nahm meine Beine nicht in die Hand – und erlebte die glücklichsten, aufregendsten und vor allem unbeschwertesten Wochen meines Lebens. Es war alles so leicht. Die Nähe, der Sex, dann das Töten, ja – um es beim Namen zu nennen – das Abschlachten der Vampire. Dass ich mir darüber Gedanken machte, kam erst später.

Die Zeit nach unserem ersten Kuss verging wie im Rausch. Der erste Abend auf dem Schützenfest, nachdem Peter die Machete gesäubert und unter seinem Mantel verstaut hatte, gab den Takt der kommenden Tage vor. Ich glühte vor Glück, als wir Hand in Hand ins Festzelt gingen. Wir tanzten und lachten, wir küssten uns. Aber ich hielt es nicht lange aus unter den Menschen. Dafür fand ich ihn zu sexy (und auch erregend gefährlich) in seinem Mantel. Und dann dieses Lächeln, seine strahlenden Augen…

Eigentlich war ich ein zurückhaltendes Mädchen, nicht schüchtern, aber gerade was Sex angeht eher bedächtig. Aber um meine Zurückhaltung war es geschehen – und ich entdeckte eine Marina, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gekannt hatte. Alle Erregung, die ich bis zu diesem Abend erlebt hatte, war gegen die nun ihr Haupt erhebende Gier nur ein handzahmes Schoßhündchen gewesen. Fütter mich, fütter mich! Die Lust tobte wie ein hungriges, wildes Tier zwischen meinen Schenkel.

Ich zog Peter aus Menge heraus in die Dunkelheit hinein, hinter den erstbesten Busch zog ich ihn. Selbst an irgendwelche Vampire, die im Dunklen lauern könnten, verschwendete ich keinen Gedanken. Und Peter gab der Bestie Futter, bis sie sich fürs Erste wohlig gesättigt auf den Rücken drehte, um sich sanft den Bauch kraulen zu lassen. Es war eine Offenbarung im Stehen, mit bis zu den Knie heruntergelassenen Jeans. Ein Quickie für die Ewigkeit.

Auf dem Heimweg (hinter einem anderen Busch) ließen wir es langsamer angehen. Peter rammte seine Machete in die Erde, dann legte er ganz Gentleman seinen Mantel auf den Boden. Und im Licht einer nahen Straßenlaterne, die durch die Blätter des Laubwerkes schien, während wir leise die Stimmen der vom Festplatz Heim strebenden Menschen hörten, sahen wir uns lange mit unseren Händen an, entdeckten in aufreizender Langsamkeit den Körper des anderen, bis wir erneut, glücklich uns gefunden zu haben, übereinander herfielen.

Und in diesem Rhythmus verbrachten wir die Tage. Mal getrieben von jähen Hungerattacken auf den anderen (selbst morgens auf dem Schulweg, in der Zugtoilette, trieben wir es miteinander), mal genüsslich das Festmahl in meinem Bett in die Länge ziehend (wobei ich endlich ich die Einliegerwohnung und die Ungestörtheit, die mir meine Eltern damit ermöglicht hatten, schätzen lernte).
Ja, und dann kamen nach dem ersten Gespräch mit Peters Oma, unsere Übungen mit den Waffen, das Fechten, Schießen, Hauen und Stechen – und schließlich die ersten getöteten Vampire.

Hier geht es zur ersten Leseprobe

Zum Entstehungsprozess…

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