Ich komme in Büchern vor. Also vor allem in meinen eigenen.
Im ersten Roman hocke ich, ungenannt, bei einer Party auf der Treppe und einer meiner Protagonisten stolpert über meine Füße. Ansonsten sind diverse Persönlichkeitsanteile von mir auf verschiedene Figuren verteilt. 
In meinem zweiten Roman tauche ich – gewissermaßen als Poltergeist in der Architektur der Geschichte – mehrmals auf. Weil Leser meines ersten Romans sagten: „Der bist du …!“ Die bist du …!“ Aber keine der Figuren war ich – oder immer nur zu kleinen Teilen. Ich war ja der Typ auf der Treppe. – Also dachte ich, als ich an meinem zweiten Roman baute: Okay, wenn schon viele denken, du schreibst über dich, dann treib doch ein Spiel damit.
Also habe ich den zweiten Roman an meiner Vita entlang geschrieben. Niederrhein, Wuppertal, Bodensee und Konstanz. Ich habe mich in der zuerst veröffentlichten Variante sogar in die Rahmenhandlung hineingeschrieben.
Von wegen, der Autor ist tot, manchmal ist er auch überrepräsentiert.
Wobei dies auch nur ein Spiel mit Ähnlichkeiten war, mit strukturellen Homologien. „Ich“ ist wahrlich nicht „ich“, und wo ich drinstecke, kommt nicht ich raus.
Eigentlich, also ursprünglich, saß ich auch im zweiten Roman nur auf der Treppe. Dies war jedenfalls der Keim der ganzen Geschichte. Ein autobiografischer Kern, der ein Gefühl oder eine Stimmung war, die sich in einer kurzen Passage Text niederschlug, deren Ton mich daran denken ließ, ein ganzes Buch so gestimmt zu schreiben.
Eine Erinnerung in Schwarz-Weiß
Als ich dann aber in einem Buch auftauchte, dessen Autor nicht ich war, war dies von einem ganz anderen Kaliber.
Zwar nur in einer kurzen Nebenrolle in einer kurzen Erzählung. Zudem nahm den größeren Part in der Passage meine Mutter ein. Wir beide ungenannt. Aber von mir, von uns zu lesen, das überraschte mich. Nicht deswegen, weil Ingrid „uns“ erwähnte, nahm am Leben entlang zu schreiben, ist ihr Stil. Ich kannte die Episode, von der Ingrid in ihrem zweiten Buch „NOCH MEHR VON ALLEM“ erzählte.
Sondern weil ich mich freute. Wie sich jemand freut, der sich selbst plötzlich auf der großen Leinwand entdeckt, weil die Stadionkamera auf ihn gerichtet ist (außer natürlich dieser jemand geht in diesem Moment gerade fremd). Hey, das bin ich!
Was ich besonders interessant fand: Die Episode, von der Ingrid erzählte, fühlte sich nun für mich realer an. Dadurch, dass sie davon erzählte. wurde die Story zu einem festeren Bestandteil meiner eigenen Biographie. Vorher war sie eine vage Erinnerung an etwas, was mir zugetragen wurde, jetzt war sie eine Erinnerung bunt in Schwarz-Weiß gemeißelt.
Wenn ich selbst von mir erzähle oder Teile von mir, Teile meiner Vita, Teile meiner Gedanken, meiner Gefühle für Geschichten nutze, dann hat das immer etwas Spielerisches, eine Lust des Ausnutzens für die Wirkung. Dann bin ich Material, Teil einer Dichtung, Stoff für einen Dichter, Stoff für einen Autor, den dieser in die Architektur seiner Geschichte einbaut.
Bei Ingrid war das anders. Vielleicht schätze ich ihr Schreiben und Erzählen falsch ein. Vielleicht ist alles, was ihr begegnet, auch nur Material. Aber mein Leseerlebnis in diesem Moment war ein anderes. Ich, wie auch meine Mutter, waren nicht einfach Stoff.
Kühne und KI
Ich mag es, mit mir als Stoff literarisch zu spielen. Aber meine Person und meine Mama in der humorvollen Schilderung von Ingrid zu erleben, das hat mich ganz eigen berührt. Echt. Mich überraschend.
Ein realer Autor schreibt einen realen Menschen in sein Buch hinein, weil er sich an eine reale Begebenheit erinnert. Ein Ereignis, von dem ich denke, dass es in nicht ferner Zukunft seltener werden wird: wenn KI einen Großteil aller Bücher für den Markt produziert. Vielleicht so selten, dass es dann als Qualitätsmerkmal gelten wird: Hier war ein Mensch am Werk. Dieses Buch hat einen Autor.
Für die belletristischen Autoren, die schreiben, um Leser zu erreichen, um beim Leser Erfolg zu haben, also die Autoren, die schreiben, um im Idealfall davon zu leben, wird das den „Markttod“ bedeuten, wenn KI den Markt überschwemmt.
Der Markt braucht Geschichten, immer neue Geschichten in alten, das Vertrauen der Leserschaft besitzenden Strukturen. Das kann KI. Ist einmal ein Erfolgsmuster erkannt, ein Set an den Leser interessierenden Figuren, ein Plot, der funktioniert, dann wird das variiert, dupliziert, von KI in genügender Qualität fabriziert, um den Großteil des Marktes abzudecken. Nicht anders, als es schon Menschen erfolgreich vorgemacht haben: die die Erfolgsserie eines verstorbenen Autors unter eigenem Namen fortführen (natürlich nur an zweiter Stelle hinter dem Autornamen, auf den die Figuren und die ursprünglichen Ideen zurückgehen).
Ich denke, für eine Vielzahl an Autoren wird der Prozess des Schreibens noch wichtiger werden. Sie verlieren also auf eine gewisse Weise ihr Publikum, weil das Schreiben selbst das Ziel und der Zweck ist. Ich schreibe, also bin ich. Aber ohne Publikum bin ich natürlich auch nicht bezahlt.
Für die literarischen Autoren wird es eine Nische auf dem Markt geben, auf denen sich die Puristen unter den Schreibenden und Lesenden tummeln: Hier wird weniger das Buch, als der Erzeuger etwas gelten. Made by Mensch. Und wenn das Buch etwas gilt, dann, weil es Merkmale aufweist, die KI „nicht kann“. Welche das sein werden?
Manchmal denke ich, Fehler könnten so ein Merkmal sein. Typische Fehler, genau gezirkelte Ungenauigkeiten, die gerade so knapp neben dem Normalen sind, dass KI sie nicht hinbekommt. Aber wahrscheinlich ist das eine „Fehler-Romantik“, mit dem richtigen Prompt bekommt KI Fehler super hin.
Dann denke ich, ein Merkmal (und das ist keines der heutigen „hochliterarischen“ Qualitätsmerkmale) könnten solche Momente sein wie mein beschriebener „Kühne“-Moment. Hey, das bin ich!
Solche Momente müssten nicht „echt“ sein im Sinne von authentisch, sie könnten verwandelt sein, Teil eines Spiels mit Identitäten, mit Strukturen, ein literarisches Spiel mit dem Autor-Menschen. Das ist ganz gewiss nicht neu, aber bekommt vielleicht in nicht ferner Zukunft eine neue Würde.
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