Futter für die Bestie – Zweiter Teil der Geschichte

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Zweiter Teil der ungekürzten Kurzgeschichte “Futter für die Bestie” aus der dann ebenso benannten Gruselgeschichten-Anthologie des Schreiblust-Verlages. Den ersten Teil findet Ihr hier…

Futter für die Bestie

II.

Mary bleibt am Rand der Lichtung stehen. Ihr ist nicht wohl in der Haut, nervös tritt sie von einem Bein auf das andere. Meine Güte, denkt sie beim Anblick der Skelette, im ersten Moment mehr erstaunt, als erschrocken, bin ich hier etwa auf einem Tierfriedhof gelandet, oder was? Sie beginnt, zu frieren. An diesem herrlichen Spätsommertag. Blauer Himmel, die Sonne scheint, Vögel zwitschern in den Bäumen. Aber sie hat sich den ganzen Weg über schon nicht gut gefühlt. Warum mußte Arko auch ausbüxen! Und wie das hier riecht. Eine Gänsehaut läuft ihr über den Armrücken. Und nun ist sie nicht mehr nur nervös, jetzt ist ihr unheimlich zu Mute. Plötzlich weiß sie, daß sie hier weg muß. Hier stimmt etwas nicht! Um das zu wissen, mußte ihr niemand von den Spaziergängern erzählen. Aber Arko macht noch immer keine Anstalten, zu ihr zu kommen. Und um keinen Preis auf der Welt will sie auf die Lichtung hinaus. Mary weiß sich nicht anders zu helfen, als ihn anzuschreien:

„Arko! Komm sofort her!“

Sie hat ihn noch nie angeschrien. Arko sieht sie denn auch – wie Mary findet – aus großen Augen beleidigt an. Und sofort schämt sie sich. Aber anscheinend hat es geholfen, lauter zu werden. Denn endlich erhebt sich Arko. Mary atmet erleichtert auf. Aber anstatt zu ihr zu kommen, macht Arko einige Schritte rückwärts, und in diesem Moment hört Mary die Stille. Die Vögel schweigen. Und plötzlich spürt Mary den Drang, ihm zu folgen. Im ersten Augenblick ist es wie eine leise Stimme, die heiser flüstert: Hey, komm! Dann ist es wie eine Art Sog, der bei jedem der Schritte des Bernhardiners stärker wird. Dem sie kaum widerstehen kann. Die Erleichterung schlägt um in Furcht. Es ist, als würde eine unsichtbare Hand nach ihr greifen. Koommm! Das Flüstern wird zu einem langgestreckten Ton, der in ihren Kopf kriecht, eine Wortschlange, die sich zischend und züngelnd um ihr Hirn legt: Kooooommm! Mir! Zu mir! Sie spürt, wie sie sich gegen ihren Willen in Bewegung setzte. Aus der Furcht wird Angst.

„Komm sofort her! Du blöder Hund!“, schreit Mary, plötzlich einer Panik nahe. Mary setzt einen Fuß auf die Lichtung. Dann macht sie noch einen Schritt. Die Stimme in ihrem Kopf schwillt zu einem tosenden Hmmm, jaaaa! an. Mary hält sich die Ohren zu. Aber das hilft nicht. Die Stimme ist in ihr. Jetzt ist ihr nicht mehr nur kalt, sondern eisig. Die blonden Härchen an ihren Armen richten sich auf. Ihr wird schwindelig. Sie schwankt. Wie durch einen Schleier sieht sie, daß sich Arko auf den Rücken legt und seine vier Beine von sich streckt, wie er es oft macht, damit Mary ihn kraulen kann. Aber Mary ist nicht nach Streicheleinheiten. Ganz und gar nicht. Obwohl. Warum sich nicht ein wenig hinlegen. Und ausruhen. Den Kopf auf Arkos Bauch legen, und die Augen schließen. Hey, das wär‘ doch was! Die Stimme ist zu einem fürsorglichen Streicheln geworden. Und Mary ist wirklich sehr erschöpft. Kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Und warum auch? Ihre eigenen Gedanken sind neben dieser Stimme kaum mehr zu hören. Nur noch ein verwehtes Ich mach‘ besser, daß ich hier verschwinde! Dann fällt sie auf die Knie, eine ihrer Hände landet in etwas Weichem. Eh, wohl auch etwas müde gewesen, was? Mary kann nicht mehr unterscheiden, was ihre Gedanken sind, was die Stimme ist. Jedenfalls lächelt sie beim Anblick des Eichhörnchens, dessen matschige Überreste sie in der Hand hält. Lächelt, als sie schwerfällig aufsteht und – das Eichhörnchen an sich pressend – zu Arko geht. Hey, Du Rabauke! Arko antwortet nicht, liegt nur da, die Läufe in die Luft gestreckt. Mary plumpst neben ihm zu Boden und fährt gedankenverloren mit ihrer freien Hand durch das weiche Fell seines Bauches. Wie durch Nebel registriert sie, daß Arko sich anders als sonst anfühlt. Wie ein Fellsack gefüllt mit Fleischabfällen. Aber dies findet sie nicht unangenehm. Auch nicht den Geruch. Im Gegenteil. Ihr ist eigentlich ganz behaglich zu Mute. Sie bettet ihren Kopf auf Arkos Bauch, der unter ihrem Gewicht prompt herrlich anschmiegsam nachgibt. Wie in Mutters Schoß. Warm und weich und feucht. Und irgendwie auch lecker. Mary merkt, wie hungrig sie ist. Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen. Was sind wir doch hungrig! Die Hand, in der sie das Eichhörnchen hält, hebt sich auf Höhe ihres Gesichts. Mary schnüffelt am Kadaver. Hmm, ja! Leckt sich die Lippen. Was Feines. Dann beginnt sie, genüßlich schmatzend zu fressen.

III.

Kurz nach Sonnenuntergang. Jan lehnt sein Fahrrad an das Geländer der Autobahnbrücke, welche die A40 nahe des Stendener Bruchs überspannt. Jan ist gerne hier. Und oft. Er liebt diese Gegend. Die Wege vorbei an Kartoffeläckern und Getreidefeldern. Vorbei an Weideflächen mit Schwarz-Bunten drauf. Dann durch den Wald. Dort kann man Eichhörnchen sehen. Und manchmal, wenn man lange ganz still gewesen ist, ein Reh. Mäusebussarde, die über Tannenschonungen kreisen. Einmal hat er nach Einbruch der Dunkelheit eine Eule gesehen.

Seine Großmutter, Oma Hyskens, warnt ihn zwar ständig davor, sich nach Sonnenuntergang im Bruch aufzuhalten. Und es ist wirklich gruselig, wenn sie mit leiser, eindringlicher Stimme von der alten Hinrichtungsstelle erzählt. Von den zu Tode Verurteilten, die an der Galgenrahm geköpft oder gehenkt wurden. Dort ist es nicht geheuer!, gibt sie ihrem Enkel mit. Weil man ihre Leichname nicht beerdigt, sondern einfach im Sumpf versenkt hat. Aber Jan glaubt nicht an Geister. Da könnte er ja auch wieder an den Weihnachtsmann glauben. Trotzdem gelingt es seiner Oma manchmal, ihm eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Sie hat so eine gewisse Art, zu erzählen. Einmal rückte sie plötzlich an ihn heran und packte ihn mit einer ihrer kleinen, aber erstaunlich kräftigen Hände am Arm. Dann, so leise als befürchtete sie, daß jemand anderes (oder etwas anderes) ihre Worte hört, flüsterte sie ihm einen Namen ins Ohr. Spulmans. „Meine Urgroßmutter kannte noch jemanden, der ihn gekannt hat“, whisperte Oma Hyskens. Spulmans. Als sie diesen Namen nochmals aussprach, senkte sie ihre Stimme so weit, daß Jan sie kaum mehr verstehen konnte, „Er hat Menschen ermordet und aufgegessen. Und noch meine Oma, Gott habe sie gnädig, glaubte…“, Oma Hyskens sah sich plötzlich um, als stünde jemand hinter ihr, was für Jan das Unheimlichste an der ganzen Geschichte war, „Meine Oma glaubte daran, daß er eines Tages zurückkommen würde!“ Aber so lieb Jan seine Oma auch hat, dies hält er denn doch für Altweibergewäsch. Denn natürlich würde diese Bestie nicht erwachen. Man hat ihn gefaßt, und nach den Sitten der alten Zeit gevierteilt, geköpft und anschließend die Überreste dem Sumpf übergeben. Damit basta. Das Gefährlichste, das Jan manchmal im Bruch begegnet, ist Bauer Brandt. Vor ihm hatte er sich einmal auf den Acker flüchten müssen, als Brandt ihm auf seinem alten Trekker besoffen und ohne Licht entgegen kam.

Jan schaut auf die Straße und die dahin brausenden Autos hinab. Träumt davon, in knapp zwei Jahren selbst hier entlang zu rasen. Er spuckt hinunter. „Treffer, schon wieder einen Holländer abgeschossen!“, meint er triumphierend zu sich selbst. Plötzlich spürt er, daß er nicht mehr alleine ist. Am anderen Ende der Brücke steht eine Gestalt. Im ersten Moment kann er sie nur undeutlich erkennen. Das Licht der Autoscheinwerfer, in das er geblickt hat, flimmert noch vor seinen Augen. Dann klärt sich sein Blick. Mary. Ihm stockt der Atem. Sofort bekommt er feuchte Handflächen. Schon seit Jahren schwärmt er für sie, ohne sich jemals getraut zu haben, sie auch nur nach der Uhrzeit zu fragen. Das hübscheste Mädchen aus dem Dorf. Alle Jungs sind hinter ihr her. Und jetzt steht sie dort. Und Jan meint doch tatsächlich, zu hören, daß sie seinen Namen ruft. Merkwürdigerweise hört er dies nicht mit seinen Ohren, sondern in seinem Kopf. Das ist ein wenig unheimlich. Kommt aber bestimmt nur von der Aufregung. Wie oft hat er sich dies gewünscht. Schön, Dich hier zu treffen. So ein netter Zufall. Und jetzt kommt sie auf ihn zu. Zwei Schritte nur, sie bleibt im Schatten stehen, den die Lichter der Autos werfen. Aber immerhin. Gefalle ich Dir?, hört Jan sie fragen. Er bringt kein Wort heraus. Mary bleibt stehen. Gefalle ich Dir?, wiederholt sie. Jetzt bringt Jan ein zittriges „Ja“ zustande. Gut!, antwortet Mary. Komm‘ zu mir! Jan setzt sich in Bewegung. Mary ebenfalls. Sie geht rückwärts, von der Brücke herunter, in die Dunkelheit hinein. Du gefällst mir auch!, hört Jan sie sagen. Hast Du schon immer getan! Er kann sein Glück kaum fassen. Dort wartet sie auf ihn. Nur noch wenige Schritte trennen ihn von ihr. Und Mary hebt doch tatsächlich ihre Arme. Als wolle sie ihn umarmen. Hey, komm!

Ende

“Boschers Bestie
Aldekerk. ‘Aldekerk im Rücken’ heißt die vor rund anderthalb Jahren in der Anthologie ‘Dichter Nebel am Niederrhein’ veröffentlichte Kurzgeschichte von Ralf Boscher. Jetzt ist der gebürtige Aldekerker, der in Konstanz lebt, literarisch wieder an seinen Geburtsort zurückgekehrt mit ‘Futter für die Bestie’. Die Erzählung findet sich in der gleichnamigen Grusel-Geschichten-Sammlung des Schreiblust-Verlags Andreas Schröter. 9,90 Euro kostet das 248-seitige Taschenbuch mit 24 Beiträgen.”
(Rheinische Post, Ausgabe Gelderland, Nr. 110, Dienstag, 11. Mai 2004)

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