Die Grenze des guten Geschmacks – “Hello Kitty” oder ein Wichteln des Grauens. Eine Weihnachtsgeschichte von Ralf Boscher

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Ungekürzte Kurzgeschichte aus Ralf Boschers eBook “Ein haariger Heiligabend. Drei unbesinnliche Geschichten zur Weihnachtszeit”

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Die Grenze des guten Geschmacks

3 Staffeln „Hör mal wer da hämmert“ auf DVD, „Nightmare on Elm Street“ Teil 1 bis 5 und „Bernhard und Bianca“ – dies war mein Weihnachten im vergangenen Jahr. Dazu grob geschätzt: 3 Tüten Paprika-Chips, 1 Tüte Chips mit Salzgeschmack, 2 Packungen Marzipan-Kartoffeln, Erdnüsse, 2mal gesalzen, 1mal ohne Fett geröstet, Salami-Pizza 2mal, 1mal Quattro Stagioni, das Ganze runtergespült mit 6 Flaschen Rotwein. Es war mein erstes Weihnachten seit 5 Jahren ohne Anna, einige Wochen zuvor hatte sie sich von mir getrennt. Einmal machte ich den Fehler, die Fernbedienung in die Hand zu nehmen und zappte vom Heimwerker-König weg ins TV-Programm hinein. Prompt landete ich bei Mary Poppins – und musste weinen. „Schim schiibi di schimm schibbi schimm schi schi bu…“. Mary sang und tanzte und drehte sich auf ihren Stiefeln im Kreis, diesen Stiefeln, die so schlanke Fesseln machen – und ich musste daran denken, wie Anna eines Tages kurz vor Heiligabend zur Tür hereinkam und dann ihren Mantel von ihren Schultern gleiten ließ und nichts weiter trug als ein tief ausgeschnittenes, sexy rotes „Ich bin Deine Weihnachtsfee“-Kleidchen und sich dann auf ebensolchen Stiefeln vor mir drehte… – und ich schaltete schnell zurück zum rülpsenden Tim, öffnete eine weitere Flasche Wein und später zu „Bernhard und Bianca“ noch eine.

Doch in diesem Jahr würde es zu Weihnachten keine unendlichen Stunden alleine mit Chips und Pizza auf dem Sofa vor dem Fernseher geben. Dachte ich, denn Anna hatte mich zu einem gemütlichen Weihnachtsessen bei sich daheim eingeladen. Außer mir würden zwar noch ein paar Freunde kommen, denn Anna wollte Wichteln, Scheiße-Wichteln um genau zu sein. Das hatte sie immer schon lustig gefunden, dass man alte Geschenke wichtelte, die man selbst mal bekommen hatte und so hässlich fand, dass man sie nicht behalten wollte. Ich hatte mich ungemein über diese Einladung gefreut. Hatte sie insgeheim erhofft. Schließlich waren wir uns in den Monaten zuvor wieder näher gekommen. 5 gemeinsame Jahre tut man ja auch nicht so einfach ab. Hatten ab und zu telefoniert, waren 2mal was trinken gewesen – und beim zweiten Mal, etwa drei Wochen sind seitdem vergangen, hatten wir uns zum Abschied geküsst. Mein neues Ich gefiel ihr offensichtlich. „Du bist so negativ!“, dies war einer der Gründe gewesen, weswegen sie sich von mir getrennt hatte. „Immer siehst Du nur das Schlechte, Peter!“ Und zuviel getrunken hatte ich für ihren Geschmack. Aber ich hatte nach unserer Trennung schwer an mir gearbeitet – also nach besagtem Weihnachten. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!“ – dies Motto hatte ich mir nun auf die Fahne geschrieben, und versuchte seitdem Tag für Tag das Gute in allem, was mir widerfuhr, zu sehen – und dies mit wesentlich weniger Alkohol im Blut als die Jahre zuvor. Natürlich, oder gerade auch, an jenem Abend, als wir uns küssten: nur 3 Bier hatte ich getrunken, obwohl ich ungemein nervös gewesen war. Aber die Anstrengung hatte sich gelohnt – erst der Kuss, dann die Einladung. Ich hatte es schwer im Gefühl: Dieses Weihnachten würde mein Fest der Liebe werden!

Dann war es soweit. Obwohl ich nicht mehr als ein, vielleicht zwei Gläser Wein trinken würde, ließ ich meinen Wagen stehen und nahm ausnahmsweise den Bus. Im Gepäck hatte ich mein Geschenk für Anna: eine Sonderedition ihres Lieblingsparfüms, gerade erst auf den Markt gekommen. 10ml feinstes Dufterlebnis. Hatte lediglich den kleinen Flacon gekauft, schließlich wollte ich es nicht übertreiben. Noch waren wir ja getrennt. Für das Wichteln hatte ich ein Muskelshirt eingepackt, das mir lange vor Anna mal eine Freundin geschenkt hatte: schwarzes glänzendes Polyester, ein Ungetüm aus hautengem Design. Ich hatte es einmal Anna gezeigt – natürlich ohne es anzuziehen, schließlich passte ich schon lange nicht mehr hinein. Und sie hatte geschrien vor Lachen – und dann darauf bestanden, dass ich es dann doch überziehe. Woraufhin sie noch mehr lachen musste. Ich die Leberwurst in Black. Mit meinem Bauch, den ich mittlerweile hatte. Mit meinen Muskeln, die ich mittlerweile nicht mehr hatte. Es sah grotesk an mir aus. Es war, wie ich fand, ideal fürs Scheiße-Wichteln.

Voller Vorfreude stieg ich also in den Bus, summte leise Frankie goes to Hollywood vor mich hin: „Power of Love“. Der Bus war sehr voll. Aber das machte mir nichts aus, obwohl ich dermaßen gedrängte Menschenansammlungen nicht mag. Ich hatte Anna und unser Fest der Liebe im Herzen. Außerdem fand ich einen Sitzplatz. Bei der nächsten Haltestelle stand mein Sitznachbar auf und verließ den Bus. Ich rückte auf den nun freien Platz am Fenster und sah träumend hinaus, sah Anna und mich, in der Küche, aufräumen, nachdem alle anderen gegangen waren, wir, dann an den Kühlschrank gelehnt, küssend, streichelnd, dann wir am Küchentisch…

Plötzlich dachte ich, was stinkt hier so? Ich war dermaßen in Gedanken versunken gewesen, dass ich jetzt erst merkte, dass jemand neben mir saß. Ein Mann. Dem Augenschein nach gerade aus dem Bett gekommen. Dem Geruch nach schon geraume Zeit ungewaschen. Eine ekelerregende penetrante Mischung aus Schweiß und Alkohol schoss mir in die Nase – und die herrlichen Bilder von Anna und mir zerstoben in diesem Geruchsinferno. Zu allem Überfluss hatte er Schuppen. Ich rückte so nah ans Fenster, wie es nur ging. Hoffte inständig, er würde beim nächsten Halt aussteigen. Der Bus hielt, er aber blieb sitzen. Ein Schwung junger Leute kam herein. Sofort wurde es sehr laut im Bus. Nun war auch der ganze Gang im Bus voll. „Hey Alder, alles klar?“, „Alles klar, Alder, und bei Dir Alder?“ „Hey geil, Alder, sach Dir Alder, alles klar Alder!“ „Geil Alder!“ Die nächste Haltestelle. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich der Mann mit einer Hand übers Haar strich. Er stieg nicht aus. Schuppen rieselten herab. Auf seine Schultern. Seine Beine. Meine Beine. Mich schüttelte es. Ein Handy klingelte. „Hey Alde, alles klar?“ Plötzlich berührte er mich mit seiner Hand an meinem Arm, ich zuckte zurück. „Entschuldigung“, sprach er mich an – und mir verschlug es den Atem ob des Geruchs, der dieses eine Wort begleite. „Echt Alde? Geil Alde, hast Du gehört Alder? Geil was Alder?“ „Entschuldigung!“, sagte er noch einmal, und ich atmete nur noch aus. „Wann kommt denn der Bahnhof?“, fragte er, und die Schuppen rieselten – und ich dachte nur noch: Lieber Gott, was habe ich getan? Und im gleichen Moment hörte ich Annas Stimme: Sieh doch nicht immer alles so negativ! Und ich sah auf seine Finger, an deren Enden Fingernägel waren, so abgekaut und dreckig, wie die Schuppen auf meiner Hose weiß, und riss mich zusammen, sagte mir: Weihnachten ist das Fest der Liebe, sei nett, es ist alles gut, sieh nicht alles so negativ! Gleich kannst Du aussteigen! Und sah ihm ins Gesicht, und sah, dass auch seine Augenbrauen voller Schuppen waren – und presste heraus, ohne Luft zu holen: „Fünf Haltestellen!“, und dankte Gott, dass ich gleich aussteigen konnte. Sagte „Entschuldigung!“, und stand auf, er stand auf, es war eng. „Immer langsam Alder!“, die jungen Leute machten Platz, ich drückte mich an ihm vorbei, möglichst ihn nicht berührend, der Bus hielt, ich zwängte mich durch all die Leute im Gang und stieg aus.

Mein früheres Ich wäre jetzt bereits am Ende gewesen: Ein Abend, der so anfing, konnte nicht gut werden. Aber das war früher. An jenem Abend lächelte ich. Als der Bus weiterfuhr, zündete ich mir eine Zigarette an, strich mir die letzten Schuppen von der Hose und dachte an Anna. Wie ich mich freute! Mein Fest der Liebe! Ich ging rauchend die letzten Meter zu ihrer Wohnung, klingelte, der Türöffner ward gedrückt, ich warf die Zigarette weg, ging die Treppe hoch zu ihrer Wohnung, die ich so gut kannte, weil ich dort 5 Jahre ein- und ausgegangen war, stand vor der nur angelehnten Tür, fasste nach dem Türgriff und – in diesem Moment schwang die Tür auf und ein Kerl stand vor mir, einen halben Kopf größer als ich, blond, Marke California Sunnyboy, und lächelte mich an: „Du musst Peter sein!“ – und streckte mir seine Hand entgegen: „Ich habe schon viel von dir gehört! Ich bin Dennis!“ Und plötzlich war da auch Anna und hing diesem Kerl am Hals und küsste ihn auf den Mund und strahlte mich an und umarmte mich und küsste mich auf die Wange. „Ah, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht. Schön, dass du da bist! Nun sind wir ja vollzählig!“, sagte sie. Strahlte mich an mit ihrem herrlichen Lächeln. Strahlte ihn an und küsste ihn wieder auf den Mund. Der Abend verlief nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich überreichte ihr mein Geschenk und sagte mir: Lächle, es ist Weihnachten! Alles wird gut! Du bist Deines Glückes Schmied! Und betrat Annas Wohnung, folgte den beiden ins Wohnzimmer. Dort um den großen Tisch herum saßen 5 Personen, 4 kannte ich, es waren 2 mit Anna befreundete Paare, Nr. 5 war eine mir unbekannte Frau. Neben ihr der Platz war frei. „Setz dich!“, sagte Anna und drückte mich auf den freien Platz. „Das ist Peter!“, stellte sie mich vor, „Ein alter Freund von mir!“ Bei diesen Worten zerstob das letzte bisschen Hoffnung, das mir beim Anblick von Anna und ihrem offensichtlich neuen Freund noch geblieben war. Die Frau gab mir ihre Hand: „Hallo!“ Sie war hübsch. Also, so per se, nicht mit Anna verglichen. Aber immerhin. Ein Lichtblick.

„Ich mache mich dann mal an die letzten Vorbereitungen!“, sagte der Kerl und ging in die Küche. „Ist er nicht toll?“, fragte Anna in die Runde, „Es gibt gefüllte Gans! Hat er alles selbst gemacht!“ In dem Moment kam er aus der Küche, eine Schürze umgebunden, „Hoffe, ihr mögt alle Gans!“ „Hmmm!“, machten alle. Ich sagte nichts. Anna hätte wissen können, dass ich Geflügel nicht mag. Ich griff nach dem Rotwein und schenkte mir das Glas gut voll. Trank es zur Hälfte in einem Zug aus. Ich mochte einfach keine Gans. „Trinkst du viel?!“, fragte die unbekannte Frau neben mir. Sie hatte ein Glas Wasser vor sich stehen. „Weniger als ich rauche!“, rutschte es mir raus – und leerte mein Glas. Sollte sie jemals nur einen Hauch von Interesse an mir gehabt haben, so war dies damit vorbei. Ich sah es in ihrem Blick, dann strahlte sie Anna an: „Erzähl doch noch mal, wie du und Dennis euch kennen gelernt habt, das ist so romantisch!“ „Oh ja!“, riefen die beiden Pärchen-Frauen wie aus einem Munde, während ihre Männer lächelten. Na, der Abend verlief ja wahrlich nach meinem Geschmack. Ich goss mir Wein nach, trank. Gerade einmal 10 Minuten war ich auf der Scheiß-Wichteln-Weihnachtsessen-Party und hatte das Quantum Alkohol, das ich mir vorgenommen hatte zu trinken, schon intus. Annas Geschichte war herzerweichend. 1 Jahr zusammen im gleichen Büro gearbeitet. Jeden Tag gesehen. Nett gefunden, aber nicht mehr gewesen. Außer – hier schelmisches Lächeln von Anna – einmal auf der Sommerparty… Dann nach einem langen Arbeitstag, als es regnete, von ihm nach Hause gebracht worden. Kaffee am Abend. Plötzliches Funken. Liebe auf den 150 Blick. Zack bum! Wie romantisch! Ich schenkte mir Wein nach. Mr. Gans kam aus der Küche, verkündete, dass es noch 5 Minuten dauern würde – und wer hätte Lust auf einen Aperitif? Ich sagte nicht nein. Selbst die Wassertrinkerin ließ sich von Mr. Gans zu einem Gläschen animieren. Prost Prost Prösterchen. Wir stießen alle miteinander an. Dann kam die Gans – und bei Anna und ihrem Koch ständige Blicke und Küsschen. Die Gans schmeckte sogar. Musste ich zugegeben. War ich froh, sagen zu können. Hatte mich nach dem dritten Glas Rotwein wieder gefangen und versuchte, ein netter Gast zu sein und mir selbst einen dennoch angenehmen Abend zu bereiten. Wenn ich denn schon einmal da war. Mein Charme ließ sogar die Dame neben mir etwas auftauen, so dass sie mir ein Lächeln schenkte. Und ich fand in diesem Moment sogar, dass sie hübscher lächelte als Anna. Auch die Figur, die sie in dem Kleid, das sie trug, machte, war ganz nach meinem Geschmack. Noch ein Glas von dem Aperitif mit mir zu trinken, schlug sie allerdings aus. Ich ging auf dem Balkon eine rauchen, alleine, war ich doch der einzige Raucher in der Runde. Von draußen sah ich sie alle lachen, und dann stand Anna auf, kam aber nach wenigen Augenblicken mit etwas in ihren Händen zurück, was eindeutig genauso aussah wie mein Geschenk für sie, nur viel größer. Ich drückte die Zigarette aus und kehrte zum Tisch zurück. „Ist er nicht süß!“, hörte ich Anna gerade noch sagen, „Seit Nikolaus habe ich jeden Tag von ihm ein Geschenk bekommen – und das hier heute: Mein Lieblingsparfüm!“ Und gleich 100ml davon, wie ich sah, als ich zur Flasche Wein griff. „Apropos Geschenk!“, lächelte Anna mich an und packte dann meine mickrigen 10ml aus. „Wie niedlich!“, meinte die Wassertrinkerin. Na, so hübsch wie ich vorher gedacht hatte, war ihr Lächeln auch nicht. Und das Kleid saß an manchen Stellen doch sehr stramm. Aber Anna schien sich auch über mein Geschenk zu freuen und küsste mich auf die Wange.

Es war das letzte Mal an diesem Abend, dass ich mich zu einem Lächeln durchringen konnte. Denn schließlich wichtelten wir. Wir losten aus, wer von wem das Geschenk erhalten sollte. Wie es der Zufall wollte, musste Anna mich und ich ihren Dennis beschenken. Dennis machte den Anfang und überreichte einem der Pärchen-Männer ein Riesenpaket. Darin war eine beinahe 1 Meter hohe, knallig orange wie ein Gummibärchen aussehende Lampe. „Wie geschmackvoll!“, meinte der Beschenkte. Die anderen lachten. Anna küsste wieder einmal Dennis: „Mein Bärchen!“ Dann schlug sie in die Hände: „Jetzt ich!“, und drückte mir ein schmales längliches Geschenk in die Hände. Ich konnte es nicht glauben, was ich in Händen hielt, als ich das Papier aufgerissen hatte. „Ist das hässlich!“, entfuhr es der Wassertrinkerin – und sagte dies über ein Geschenk, welches ich Anna gemacht hatte, als wir gerade zusammengekommen waren. „Ja, nicht!“, meinte Anna und strahlte. Was ich da in Händen hielt, war ein originaler Hello Kitty-Brieföffner, der mich viel Geld gekostet hatte. „Wer hat dir das denn geschenkt?“, fragte eine der Pärchen-Frauen. „Weiß nicht mehr“, antwortete Anne, „Hab es ganz hinten in einer Schublade wiedergefunden.“ Das bunte Kätzchen glotzte mich vom Griff des Brieföffners blöde an, derweil Anna lachte. Damals hatte sie auf diese Hello Kitty-Sachen gestanden, als wir uns kennen lernten. Als sie noch auf mich stand. Plötzlich, wie ich da an diesem Weihnachtsabend jenseits der Grenzen des guten Geschmacks mit dem Hello Kitty-Brieföffner in der Hand saß und alle um mich herum ihren Spaß hatte, kamen mir sehr düstere Dinge in den Sinn, was ich doch jetzt mal mit diesem Brieföffner tun könnte. „Miau Miau!“, rief Dennis. „Schöne Muschi!“ nuschelte angetrunken einer der Pärchen-Männer, woraufhin seine Freundin hysterisch kicherte. Ganz und gar düstere Dinge kamen mir in den Sinn, was ich mit diesem Brieföffner in der Hand aus dem Fest der Liebe machen könnte. Aber ich tat nichts, außer mir noch einen Wein einschenken. Ich riss mich zusammen. Ein Glas noch, sagte ich mir, dann gehe ich. Der Wein wenigstens ist gut. „Jetzt ich!“, rief Dennis und packte mein Wichtel-Mitbringsel aus. „Na wow!“, meinte die Wassertrinkerin. „Und da hast du mal reingepasst?“ Ich antwortete nichts, zeichnete nur imaginäre Linien mit dem Brieföffner auf den Tisch. „Anziehen! Anziehen!“ skandierte mit einem Mal eine der Pärchen-Frauen, die andere fiel mit ein. Anna lachte – und ihr neuer Lover ließ sich nicht lange bitten. „Wow!“ meinte unwillkürlich die Wassertrinkerin, als er sich sein Hemd über den Kopf zog und ein ebenso schlanker wie muskulöser Oberkörper zum Vorschein kam. Dann zog er das schwarz glänzende Polyester-Muskelshirt an – und es sah doch recht anders aus als an mir. Keine Spur von Leberwurst in Black. Ich hatte Annas Lachen von damals im Ohr, als ich dieses Shirt trug, sah nun ihren Blick, der lächelnd und lüstern auf ihrem neuen Kerl ruhte, und meine Finger verkrampften sich um den Brieföffner in meiner Hand. Da gab es nur noch eins für mich zu tun: Ich kippte den Rest Wein hinunter. Stand auf. Ich musste gehen. Das Weihnachtsessen verlassen, ehe ein Unglück passierte. „Musst Du schon gehen?“, fragte die Wassertrinkerin und in ihrer Stimme hörte ich kein Bedauern.

Ich verabschiedete mich quasi im Laufschritt. Meinen Mantel zog ich im Hausgang an. Kaum stand ich auf der Straße, brannte die Zigarette, und ich nahm einen tiefen Zug. Was für ein Abend! Mein Weihnachten vom zurückliegenden Jahr erschien mir nun nicht mehr ganz so schrecklich. Auf dem Weg zur Bushaltestelle begann es zu regnen. Wind kam auf, aus dem Regen wurde Schneeregen, den der Wind mir direkt ins Gesicht drückte. Meine Zigarette wurde nass. Für ein Taxi hatte ich nicht genügend Geld eingesteckt. Ich musste den Bus nehmen. Aber der Gott des Öffentlichen Nahverkehrs meinte es gut mit mir. Wenigstens ein Gott, der es an diesem Abend mit mir gut meinte. Mein Bus kam umgehend. Ich stieg ein. Der Bus war voller noch als auf der Hinfahrt. Die Scheiben waren beschlagen. Die Luft war zum Schneiden. Ich musste stehen. An der nächsten Haltestelle stiegen mehr ein als aus. Es wurde noch enger. Ich konnte mich kaum rühren. Plötzlich klingelte ein Handy, ganz in der Nähe. „Hey Alder, alles klar? Geil Alder, bin im Bus. Alder und du? Echt? Geil Alder!“ Der Bus hielt. Ein junger Typ stieg zu, schrie quer durch den überfüllten Gang: „Hey Alder, was geht?“! Der Andere in meiner Nähe schrie zurück: „Geil Alder! Und bei dir Alder? Was geht?“ „Ich sach dir Alder, da geht was!“ Plötzlich hatte ich das Gefühl, als ob der Brieföffner in meiner Manteltasche zuckte. Als ob er sich bemerkbar machte: Miau! Miau! Nimm mich doch mal in die Hand. Versuchte nicht auf diese Stimme zu hören, versuchte irgendwie an dem Gespräch der beiden jungen Männer vorbei zu hören, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Die regelmäßigen Löcher in der Decke des Busses. Wofür sind die eigentlich gut? Durchlüftung? Wie viele das wohl sind? Ich begann zu zählen. In diesem Moment bremste der Bus ruckartig ab. Keiner fiel um, dafür war es zu eng. Aber mein Blick fiel nun durch einen Spalt zwischen den Leibern, der sich durch den Ruck aufgetan hatte, auf eine Frau, deren Körperumfang sich im Laufe der Jahre entschieden über jedes gesunde Maß hinaus entwickelte hatte. Aber nun gut. Das alleine wäre nicht so schlimm gewesen. Aber sie wirkte zudem auch sehr ungepflegt – und vor allem bohrte sie voller Inbrunst mit einem Finger in der Nase. Reiß Dich zusammen! sagte ich mir. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Also liebe die Menschen. Miau! flüsterte mir der Brieföffner zu, während die Frau ihren Finger aus der Nase zog und ihren Fund betrachtete. Miau! Miau! Ich nahm alle meine Kraft zusammen: Weihnachten ist das Fest der Liebe! Während sie nun ihren Finger in den Mund steckte, und ich in meiner Tasche nach dem Brieföffner griff. Miau! freute sich Hello Kitty. „Los Alder!“ schrie der Junge in meiner Nähe. Und die Frau steckte ihren Finger zurück in die Nase. „Schauen was abgeht, Alder!“, schrie der Andere zurück. Der Bus hielt. Haltestelle Bahnhof. Die Türen des Busses öffneten sich und entließen den Großteil der Menschenmenge im Bus in die Kälte, mitsamt den jungen Männern, mitsamt der dicken Frau, die ihren Finger aus der Nase nahm, ihren neuerlichen Fund an der Vorderlehne abstreifte und sich mit großer Mühe aus dem Sitz hoch rappelte. Ich atmete auf, nahm meine Hand aus der Tasche. Das Miau verstummte. Ich setzte mich auf einen freien Platz am Fenster. Was freute ich mich auf meine Wohnung. Meinen Fernseher. Auf eine schöne große Schüssel Chips neben mir. Noch ein Glas Rotwein in Ruhe. Sicherlich gab es auch noch eine Episode „Hör mal wer da hämmert“, die ich noch nicht gesehen hatte. Ich blickte aus dem Fenster, derweil sich der Bus mit einer neuen Menschenmenge füllte. Jemand ließ sich neben mir auf den Sitz fallen. Und da war er wieder: dieser Gestank. Diese penetrante Mischung aus Schweiß und Alkohol. Seine Hand berührte mich an meinem Arm: „Entschuldigung!“, sagte er. Ich schloss die Augen Hello Kitty schnurrte in meiner Manteltasche. Ich griff hinein – und mit einem lauten Miau! begrüßte der Brieföffner meine Fingerspitzen.

Ende

Hier findet Ihr eine weitere weihnachtliche Kurzgeschichte: Ein haariger Heiligabend – “Ho! Ho! Ho! oder Tante Marthas Hintern”

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