Monatsarchive: Januar 2014

Historisches: Es geschah Anno Domini 1983 – “Eine Gesellschaft”, die erste Kurzgeschichte von Ralf Boscher

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Eine Gesellschaft

1. Mit der ihm eigenen ruhigen Arroganz gab Hermann der Maior Domus einige letzte Anweisungen und sorgte dafür, dass alles nach den Wünschen seiner Herrin hergerichtet wurde. Unter seinem strengen Blick eilten zwischen den Säulen der in weißem Marmor gehaltenen Halle weißgekleidete Bedienstete geschäftig hin und her. Manche hielten in ihren behandschuhten Händen silberne Schüsseln angefüllt mit kulinarischen Delikatessen aus allen Teilen der Erde. Andere trugen in kleinen Gruppen die Blumendekoration an die vom Maior Domus dafür ausgesuchten Stellen. Wieder andere stellten begleitet von Gezwitscher eine Voliere mit Singvögeln auf. Instrumente wurden herumgetragen, der Violinist des Kammermusikensembles spielte sich ein. Endlich klatschte Hermann in die Hände. Stille trat ein. Einen kurzen Moment verstummten sogar die Vögel. Es war Zeit, dass jeder an seinen Platz ging. Das Fest konnte beginnen.

Limousinen fuhren vor. Portiers bemühten sich um die geschätzten Gäste: Würdevoll öffneten sie die Wagentüren und verhalfen den Damen der Gesellschaft zu einem angenehmen und angemessenen Ausstieg, geleiten sie und ihre Männer oder Begleiter in die Villa hinein. Kammermusik erklang dezent aus wohl gepflegten Instrumenten. Die Empfangshalle erstrahlte durch die vielen Lichtreflexe, die die Geschmeide der Damen zauberten. Champagner wurde gereicht. Leise unterhielt sich die wachsende Zahl Gäste. Der Umgang war würdevoll und dezent. Nur selten war ein leises Lachen zu hören, während alle auf das Erscheinen der Hausherrin und Gastgeberin warteten.

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„Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Schillers Tell – eine Rezension

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Ich musste wieder einmal mit dem Bus fahren, als Lektüre hatte ich mir etwas Leichtes auf den Weg mitgenommen: Also leicht an Gewicht – mein altes Reclam-Büchlein mit dem „Tell“. Und ich muss sagen, der Tell war angesichts meines Arbeitstages gut gewählt, wie ich dann, an der Bushaltestelle lesend, dachte. Eines Arbeitstages, der wieder einmal alles aufbot, um meine Stressresistenz zu testen: von den allseits beliebten Laubbläsern bis hin zu einem Kollegen, der zur Ankurbelung seiner kreativen Schübe einen Baseballschläger in die Firma gebracht hatte (seinen, wie er das Teil nennt „Denkschläger“), den er – wenn ihm nichts einfällt – in seine flache Hand schlug. Klatsch. Klatsch. Ein Geräusch, das meinen Puls schneller schlagen ließ. Der Gedanke, dass er seinen Denkschläger verkehrt anwendet und ich ihm gerne die richtige Anwendung gezeigt hätte, kam schnell. Heißt es doch, leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen… Ach ja, wie steht es im Tell: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Wahr, wie wahr. Auch wenn ich froh bin, friedlich geblieben zu sein. Meine vielen Kneipenjobs während des Studiums zahlen sich in punkto Stressresistenz aus. Ja: „Früh übt sich, was ein Meister werden will.“

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Cyber-Angriffe – oder: Eigentlich wollte ich über Vampire schreiben…

Cyber-Angriff
Endlich brach die Sonne durch den Nebel über dem Bodensee, das nachmittägliche Licht fiel durch das Fenster auf meinen Schreibtisch, auf dem einige Notizen zu meinem neuen Roman auf mich warteten. Ich fuhr meinen Rechner hoch, startete meine Textverarbeitung, öffnete den Ordner „Roman_3_Midlife_Crises_Vampir_Roman“. Doch bevor ich am aktuellen Kapitel weiterarbeiten würde, wollte ich mich noch um meinen Blog kümmern und einen neuen, am Vortag geschriebenen Artikel posten – da alles vorbereitet war, eine Angelegenheit von wenigen Minuten. Dachte ich.

Ich startete Firefox. Öffnete die Einlog-Seite zu meinem Blog – und eine Fehlermeldung erschien auf weißem Hintergrund: „Seite nicht erreichbar“. Ich versuchte es wieder, und erneut war die gewohnte Seite, um mich bei meinem Blog-Adminbereich einzuloggen, nicht erreichbar. Das war ärgerlich, aber beunruhigte mich in den ersten Minuten noch nicht. Hole ich mir erst einmal einen Kaffee. Nur ein kleines technisches Problem bei meinem Anbieter. Schnell behoben. Manchmal sind ja auch Internetseiten kurzzeitig nicht erreichbar. Zweimal in die Sonne zwinkern, Seite erneut aufrufen und es klappt. Es klappte nicht. „Seite nicht erreichbar“, auch nach einem weiteren Kaffee.

Jetzt war ich beunruhigt.

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Mit viel Pommes weiß rot… eine Familiengeschichte: “An einem Sonntag im Hallenbad”

Ralf Boscher -Pommes
An einem Sonntag im Hallenbad

1. Der sechsjährige Jan rutschte vor Aufregung auf dem Rücksitz hin und her, der betagte, aber tüchtige VW-Käfer vibrierte unter seinem schmächtigen Hintern, als sie über den Hügel nach Rheurdt hineinfuhren. Hui, machte Jan, den Fahrtwind imitierend, als sein Vater den Käfer den Hügel hinabrollen ließ und dieser bergab Geschwindigkeit aufnahm. Jetzt nach rechts abbiegen. Jan kannte die Strecke mittlerweile genau. Seit einigen Wochen fuhren sie jeden Sonntagmorgen hier entlang. Dann noch durch ein paar schmale Straßen, und schließlich lag es am Ende einer langen Geraden vor ihnen: Das Rheurdter Hallenbad. Vater Hoen stellte den Käfer auf einem der letzten freien Plätze auf dem Parkplatz ab. Jan konnte es gar nicht erwarten und krabbelte auf den Beifahrersitz. Dann stiegen sie aus. In der kühlen Herbstluft lag bereits der typische Geruch von Chlor und einer satten Prise Desinfektionsmittel. Jan zog seinen Vater an der Hand zum Hallenbad. Komm! Schwimmen!

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8400 Wörter für 7,50 Euro – ist das korrekt?

Umfrage_Preis
In den Heavy Metal-Postillen, die ich von Zeit zu Zeit lese, werden öfter die Laufzeiten von CDs thematisiert: „Tolle Platte – aber mit 35 Minuten doch etwas kurz“. „Kapazität einer CD nicht ausgereizt, da hätten noch mindestens zwei Songs Platz gehabt“. „Leider hat die Kreativität nur für knappe 40 Minuten gereicht“. Was hier natürlich immer auch mitschwingt: Ich habe den ganzen Preis für eine CD bezahlt, die für meinen Geschmack für das Geld zu kurz geraten ist.

Die Erwiderungen auf solcherlei Meinungen folgen meist dem Muster: „Schaut Euch mal die Klassiker unserer Musik an, die damals noch als LP erschienen. Knapp über 30 Minuten Musik, 40 Minuten – da hat keiner auf die Laufzeit geschielt, das war einfach nur eine geile Platte! Was zählt ist die Qualität, nicht die Quantität!“

Und wie sieht das bei Literatur aus?

In einer Besprechung zu meinem ersten Kurzgeschichten-eBook, das mit 23 Seiten verglichen mit meinen weiteren eBooks sehr kurz ist, steht: Der Preis ist perfekt. Das ebook kostet 99 Cent.

Ist der Preis perfekt?

Gerade als Indie-Autor macht man sich einige Gedanken über die Preisgestaltung.

99 Cent – eine Tasse Kaffee aus dem Automaten kostet 1.50 Euro. 23 Seiten hat keiner gelesen, solange ein Automatenkaffee noch heiß ist. Außerdem: Wie viele Kaffee trinkt ein Autor, bevor er 23 wirklich gute Seiten geschrieben hat?

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Winzkriecher – Deleted Scene aus „Engel spucken nicht in Büsche. Roman über Liebe, Tod und Teufel“

Winzkriecher - eine Urlaubsgeschichte
Winzkriecher

Nackt setzte er sich auf die kalte Klobrille, stützte seine Hände auf seine Oberschenkel und betrachtete sich in dieser Pose lange in dem Spiegel, den er vor geraumer Zeit direkt davor an die Wand geschraubt hatte. Stolz tastete er mit den Augen seinen flachen, muskulösen Bauch ab, dem man das gerade verzehrte üppige Mahl nicht ansah. Dann spannte er seine Brustmuskulatur ein wenig an, und darüber vergaß er fast seinen Stuhlgang. Aber auch nur fast. Schließlich ließ er von seinen Betrachtungen ab und konzentrierte sich auf die Kontraktion der Enddarmmuskulatur und die Erschlaffung seines Schließmuskels bei gleichzeitiger Betätigung der Bauchpresse: neben schweißtreibendem Training und gutem Essen gehörte eben auch ausgiebiger, gesunder Stuhlgang zu einem gelungenen Tag.

Mit Grausen dachte er an die Erlebnisse seiner bisher einzigen Urlaubsreise zurück. Dabei hatte er sich damals noch nicht einmal weit von der Heimat entfernt: Frankreich. Aber wenn diese wenigen hundert Kilometer schon genügten, ihm eine seiner Lebensgrundlagen quasi unter dem Hintern wegzuziehen, dann war dieses eine Mal bereits viel zu weit gewesen.

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Wie es beginnt: Die ersten Sätze… Buchanfänge

Buchanfänge
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne… so Hermann Hesse. Jedem Anfang? Der Anfang eines Buches kann in der Tat etwas Zauberhaftes sein – wenn er denn gelingt. Denn dann legt der Leser das Buch nicht zur Seite, sondern blättert neugierig geworden um. Gelingt er besonders gut, zieht er den Leser gleich ins Buch hinein – in eine andere Welt. Der Zauber der Literatur beginnt zu wirken.

Hier einige erste Sätze aus Büchern, die ich vor kurzem gelesen habe bzw. im Moment lese:

Die aufrührerischen Engel fielen, in Girlanden aus Feuer gehüllt. Und als sie niederfuhren und durch die Leere stürzten, waren sie verflucht, wie die frisch Erblindeten verflucht sind, denn so wie die Dunkelheit für diejenigen umso schrecklicher ist, die das Licht gekannt haben, wird der Verlust der Gnade von jenen viel schmerzhafter wahrgenommen, die sich einst in ihrem Glanze sonnten. (Der brennende Engel, John Connolly).

„Verdammt!“ Bettina Berg riss die Augen auf. Sie durfte nicht einschlafen. Noch nicht. Mit zu Fäusten geballten Händen rieb sie sich die Augen, was aussah, als hielte sie sich ein imaginäres Fernglas vors Gesicht. Wo war Auer? (Sünders Fall (Berg und Thal Krimi), Béla Bolten).

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Was ließ ichs krachen in der Silvesternacht

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Was ließ ichs krachen in der Silvesternacht

„Kette geraucht, kampfgetrunken, fremden Damen hinterher gewunken. Pillen, Pilze & Lines reingepfiffen, von der Polizei dann aufgegriffen, als ich tanzte auf Autodächern nackt, nen Böller zwischen die Pobacken gepackt.

Was ließ ichs krachen in der Silvesternacht. Neujahrsmorgen hab ich in einer Zelle verbracht. Gute Vorsätze für 2014 fielen mir da so einige ein, z.B. das mit dem Böller lass ich in Zukunft besser sein.“

Ich wünsche allen ein glückliches, buntes, gesundes, liebesreiches, kreatives, erfolgreiches Jahr 2014.

Euer Ralf

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